Ólafur Arnalds
Dass Island weitaus mehr zu bieten hat als beeindruckende Natur und marode Banken, wissen wir ja bereits. Aber wer weiß schon, das auch das fehlende Glied in der Evolution von klassischer zu Popmusik aus Island stammt?
Klavier und Streicher beginnen dieses Album und bleiben auch bis kurz vor Schluss die einzigen Instrumente. "0040" startet mit einer wunderbaren Harmonie in den Streichern, lässt dann dem Piano den Vortritt, um dann am Ende gemeinsam ein Stück zu spielen, das schon ein bisschen an das Outro eines ereignisreichen Sigur Rós- Tracks erinnert.
Anders als die klassische Musik von heute, braucht er keine verschrobenen Klangexperimente (vgl. Zwölftonmusik) oder ein und dasselbe Thema durchweg zu wiederholen und es nur jeweils in einen anderen Kontext zu setzen (wie in der Filmmusik üblich, hier ein Beispiel), um abwechslungsreiche 40 Minuten mit Musik zu füllen.
Wie bereits erwähnt, vertraut Arnalds über einen Großteil des Albums Streichern und Klavier zu für die notwendige Dynamik zu sorgen (was für die erste halbe Stunde auch völlig ausreicht), fügt dem forte am Schluss von "3055", nach einem pulsantreibendem Steigerungsteil, dann jedoch ein -issimo an, indem er einem Schlagzeug gestattet, unaufdringlich mitzuspielen.
Mit "3336" gibt es noch einmal eine Verschnaufpause dank den Streichern - denkt man -, doch die zaubern nicht mehr nur einfache Harmonien, sondern spielen hektisch vor sich hin. Sie können es wohl kaum erwarten endlich zu "3704" gelangen, dem Wahnsinns- Schlusspunkt des Albums.
Das Klavier beruhigt nocheinmal die allgemeine Hektik, und man denkt, das war schon die Ausreizung dessen, was an Spannungsaufbau und Dynamik geleistet würde, doch auf einmal setzen Schlagzeug und - tatsächlich - eine verzerrte Gitarre ein. Und bis man überhaupt verstanden hat, was da gerade mit einem geschieht, werden Schlagzeug und Gitarre ruckartig für Sekundenbruchteile unterbrochen, wirken plötzlich wie Störgerausche, bleiben scheinbar hängen, und sind dann auch schon verschwunden, sodass nur noch die bereits liebgewonnenen Streicher ihre Harmonien, zusammen mit einem Synthie ein letztes Mal erklingen lassen können und den Hörer so leise von diesem Monument von einem Album verabschieden.
Was zurückbleibt, ist Herzklopfen. Das Album ist ein vollständiger Kreis, die Musik zu den Bildern, die es erzeugt.