John Frusciante
Wie soll man diesem Mann gerecht werden? Wohl einer der besten Künstler überhaupt - und enorm wichtig für mich und meine musikalische Entwicklung. Wie beschreibt man also diesen Mann, ohne ein einziges Loblied auf ihn zu singen?

John Frusciante ist der Gitarrist der Red Hot Chili Peppers. Als diese zu einer meiner absoluten Lieblingsbands wurden, offenbarte mir Mr. dog-b, dass der Gitarrist auch schon mal ganz gerne auf Solopfaden wandern würde. Am nächsten Tag hatte ich "To record only water for ten days" in meinen Händen - ein Meisterwerk!
Die Symbiose aus elektronischen Beats und dem Gitarrenspiel von Mr. Frusciante war für mich genauso neu wie die Selbstverständlichkeit der Kopfstimme über einen Großteil des Liedes. Ich glaube ich habe monatelang nicht viel andere Musik gehört wie dieses eine Album. Auch wenn es nicht das eingängigste, nicht das anspruchvollste, nicht das gefühlvollste Album von ihm ist, bleibt es meine absolute Nummer eins, da die Stimmung, die das Album vermittelt absolut einzigartig ist - erhaben schwebend, immer eine gewisse Distanz wahrend, aber dennoch absolut berührend. Highlights zweifelsohne "Murderers" (eines der besten Instrumentalstücke überhaupt", "Saturation" (kann zu Tränen rühren) und "Remain".
John Frusciante verließ die Chili Peppers 1992 um sich intensiv seiner Drogenkarriere zu widmen. Während dieser Zeit veröffentlichte er unter anderem "Niandra LaDes and usually just a T-Shirt", das er während der Aufnahmen und Tour zu "Blood Sugar Sex Magik" aufgenommen hatte. Auch wenn man manchen Liedern die Heroinsucht deutlich anmerkte - so schreit er in manchen Songs geradezu apathisch rum und nuschelt unverständlich seine Texte - bleibt dieses Album eins der gefühlvollsten, weil die Zerbrechlichkeit dieses jungen Mannes deutlich spürt. Nichtsdestotrotz finden sich Geniestreiche wie "Mascara" oder wunderschöne Instrumentaltracks wie "Untitled #6" auf dieser Platte.
1997 veröffentlichte er "Smile from the streets you hold", das, wie er selbst sagte, dazu diente, Geld für Drogen einzunehmen. Ein sehr krasses Album, das selbst ich nicht jeden Tag anhören kann. Doch einmal mehr (wenn nicht sogar viel deutlicher als auf "Niandra LaDes") kommt die Labilität von Frusciante ans Tageslicht.
Dann die Zeit des Comebacks: 1999 die Veröffentlichung des Wahnsinns- Chili Peppers- Albums "Californication" und 2001eben der Geniestreich "To record only water for ten days".
Ehe es wieder einen regulären Release geben sollte, veröffentlichte der Gitarrero aber noch ein Album, das nur über seine Homepage runtergeladen werden konnte ("From the sounds inside"), das von Stil und Stimmung sehr an "To record..." anschließt, ebenso wie sein Beitrag zum Soundtrack zum Film "Brown Bunny". Auf letzterem finden sich geradezu hypnotische Stücke wie "Forever away", aber auch ein Lied, das sich in der letzten Zeit zu einem meiner absoluten Favoriten gemausert hat: "Dying Song", das durch seine Intimität und seine Lyrics besticht. Highlights auf "From the sounds inside" sind zweifellos "Penetrate Times (Lou Bergs)", "I will always be beat down" und "Dying (I don't mind)".
2004 folgte dann das Frusciante- Jahr. Den Anfang machte "Shadows collide with people", das die Elektronik- "Fesseln" ablegte und sich deutlicher dem 70s Rock zuwendete. Absolute Hits wie "Second Walk", "Carvel" oder "Song to sing when I'm lonely" machen es zu einem der eingängigsten Frusciante- Werke überhaupt, geben sich jedoch mit verschrobenen Klangexperimenten wie "-00Ghost27" oder "Failure33Object" die Klinke in die Hand.
Mitte des Jahres platzte dann die Bombe: Sechs Alben in sechs Monaten! Und diese Serie startete mit einem weiteren Höhepunkt in der Diskografie des John F.: "The Will To Death", das die Richtung von "Shadows..." weiterführte, wenn auch mit deutlich reduzierterem Sound, der aber auch auf den anderen Platten dieser Serie beibehalten wurde und durch diese intime Stimmung den Hörer ganz in ihren Bann zieht. Als ich eines Tages mit dem Album im Ohr durch die Stadt wanderte, kam ich langsam am Ende des Langspielers an und bei "The days have turned" musste ich stehen bleiben, weil mich das Lied so berührte. Bei "Helical" hatte ich eine kurze Verschnaufpause, doch beim Titeltrack "The Will To Death" standen mir die Tränen in den Augen, da ich von der Schönheit dieses Liedes übermannt wurde.
Die guten Seiten der Monotonie wurden uns auf Ataxias "Automatic Writing" präsentiert: Fünf Jams, deren Grundgerüst (Bass und Schlagzeug) kaum variieren und somit John jede Freiheit geben, die er braucht. Sei es für ausgiebige Gitarrenparts oder seinen einzigartigen Gesang, den er mittlerweile erlernt hatte, sodass er auch bei Chili Peppers- Auftritten Anthony leicht in den Schatten stellt. "The Sides" ist hierauf das Lied, das mich am heftigsten vereinnahmt hat, schon seit dem ersten Hören, wohl auch durch den geilen Schlagzeugsound.
Die "DC EP" stand als nächstes auf dem Plan, eine Platte, die er mit Freunden an einem einzigen Wochenende aufgenommen hatte - und völlig auf Synthesizer verzichtete, den man aber zu keinem Zeitpunkt vermisst! Die "DC EP" kann man vom Sound her als Verbindungsstück zwischen "Shadows..." und "The Will To Death" einordnen, bestes Stück: Der Opener "Dissolve".
Dann wurde es schwieriger für mich, denn es folgte "Inside of emptiness" und Mr. Frusciante warf den Verstärker an. Ich hatte große Probleme nach so filigranen Stücken von den letzten CDs mit der geballten Schrei- Power auf einigen Liedern auf "Inside of emptiness". Jedoch wurde mir einige Zeit später klar, dass sich einige der schönsten langsamen Stücke zwischen die Schweinerock- Tracks gemogelt hatten: Zum Beispiel "Scratches" oder einer meiner absoluten Lieblingslieder "Look On", dessen Gitarrensolo man durchaus als "perfekt" bezeichnen kann - es ist nicht aufdringlich, aber trotzdem exzellent gespielt und führt die Stimmung des Gesangs und des gesamten Liedes eins zu eins weiter. Wahnsinn!
Beim nächsten Release wurde wieder ein neues Mosaiksteinchen in die Klangwelt des John Frusciante hinzugefügt: Zusammen mit seinem Freund Josh Klinghoffer brachte er "A sphere in the heart of silence" heraus, bei dem die Synthesizer eindeutig im Mittelpunkt stehen und die Gitarre nur ab und an zum Zuge kommt. Was mir bei diesem Album besonders gut gefällt ist das Zusammenspiel der Stimmen der beiden. Joshs etwas dünne Bubenstimme, die perfekt in den Klangteppich der Lieder eingewoben ist und Johns Mega- Organ, das Akzente setzt - bestes Beispiel "Surrogate People". Außerdem hörenswert: "The Afterglow" und "At your enemies".
Am Ende besann sich John dann auf die Basics des Singer- Songwritertums zurück und konzentrierte sich auf "Curatins" auf Gitarre, Klavier und Gesang im Mittelpunkt, stets unterstützt von sanften Synthie- Sphären. Man muss sich mal vor Augen führen, was für eine breite Stil- Auswahl man beim Anhören von Frusciante- Alben hat: Reduzierte Singer-Songwriter- Tunes, echte Rockstücke, Elektronikgefuddel und viel, viel Mischungen aus dem Ganzen.
Nach der Tour zum Chili Peppers- Doppelalbum "Stadium Arcadium" wurde verlautet, dass man eine Pause als Band machen würde. Somit befand ich mich in einer Zwickmühle: Sollte ich traurig sein, dass die Peppers erstmal nicht wieder nach Deutschland kommen? Oder soll ich mich insgeheim freuen? Denn eine Bandpause bedeutete wohl ein neues Frusciante- Album. Und dem war auch so. Anfang 2009, nach einer gefühlten Ewigkeit, gab es endlich wieder neues Material auf die Ohren: "The Empyrean".
Lange hatte ich mich nicht mehr so auf ein Album gefreut, und ich wurde zum Glück nicht enttäuscht. Zunächst fällt auf, dass das neue Werk sehr aufwändig produziert ist, und die LoFi- Zeiten von "Niandra LaDes..." und "To record..." endgültig vorbei sind und auch der pure Sound der Sechserreihe der Vergangenheit angehört. Außerdem gibt es wieder jede Menge neue Mosaiksteinchen!
"Song to siren", seineszeichens ein Tim Buckley- Cover und schon eines der Highlights, mit Orgel und waberndem Synthie im Hintergrund und der Wahnsinnsstimme von John transportiert eine solch beklemmende und verzweifelte Stimmung, wie man sie im Original vergeblich sucht.
Das nächste Highlight folgt auf dem Fuße: Das psychedelische "Unreachable", das fast drei Minuten auf eine einfache Zeile hinarbeiten zu scheint: "Hey! Shoot me!" - wohl die größte Melodie auf dem ganzen Album.
"Dark/Light" ist wiederum eine Neuheit im Frusciante'schen Klanguniversum. Der erste Teil, schon oft gehört, Klavier, Gesang, philosophischer Text, ehe die Stimmung umschwingt, ein Elektobeat einsetzt, eine megageile Basslinie erklingt (die in der Fangemeinde Diskussionen aufwirft, ob sie jetzt von John oder Flea gespielt wird) und Frusciante in Kopfstimme einen Dialog mit einem Bariton singt und ein Chor (!) zum Finale einsetzt und das Lied (und mit ihm auch den Künstler) auf eine ganz neue Ebene hebt!
"Central" ist das einzige Lied, auf dem ein richtiges Gitarrensolo zu hören ist. Bemerkenswert, auf einem Gitarristen- Album.
Und nochmal neue Töne gibt's auf "One more of me" zu hören - zunächst durch die ungewohnt tiefe Stimmlage von John, aber auch vor allem durch das Outro, das nur von einem Streichquartett bestritten wird. Hier wäre dann der Zeitpunkt für mich, mich zu wiederholen (neue Ebene und so), aber das wäre ja langweilig.
Jetzt bleiben natürlich ein paar Fragen offen: Wann gibt es das nächste Mal Neues von John Frusciante, Gitarrist der Red Hot Chili Peppers? Wohin führt der Weg soundmäßig? Und wie beschreibt man jetzt eigentlich diesen Mann, ohne ein einziges Loblied auf ihn zu singen?