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Präsident Heber J. Grants Anstrengungen, die Lieder Zions singen zu lernen

geschrieben von mormonen | 12 Apr, 2008
    „Da ich vermute, daß es eine Anzahl Menschen gibt, die nie gesungen haben und aus einer Schilderung meiner Anstrengungen Nutzen ziehen können, habe ich mich zu einem Bericht über das Erlebte entschlossen.” So schrieb Heber J. Grant im Jahr 1900 in der Zeitschrift Improvement Era.' Während der ganzen 36 Jahre, die er im Kollegium der Zwölf diente, und während seiner 26jährigen Amtszeit als Präsident der Kirche war Heber J. Grant immer ein Vorbild an Ausdauer und den Heiligen eine ständige Ermunterung zu singen.
    Er zitierte oft eine seiner Lieblingsschriftstellen, nämlich ,Lehre und Bündnisse' 25:12: „Denn meine Seele erfreut sich am Lied des Herzens; ja, das Lied der Rechtschaffenen ist ein Gebet zu mir, und es wird ihnen mit einer Segnung auf ihr Haupt beantwortet werden.” Für ihn aber war es ein Kampf und eine Herausforderung, das „Lied des Herzens” zu singen.
    Präsident Grant berichtet selbst: „Ich habe alle Tage meines Lebens sehr gern gesungen. Als ich ein kleiner Junge von zehn Jahren war, ging ich zum Gesangsunterricht, und der Professor sagte, ich würde es niemals lernen.” Von da an bis zum Mannesalter von über dreißig Jahren bemühte sich Heber J. Grant immer und immer wieder, eine Melodie zu singen - vergeblich. Scherzend sagte er einmal: „Ich habe mir die Hand lesen lassen, und der Handleser sagte, ich könne singen, aber er wolle 50 Kilometer weit weg sein, wenn ich es täte. Ich übte einmal im Templetonhaus singen, und zwar in einem Zimmer, das neben einer Zahnarztpraxis lag. Die Leute auf dem Korridor meinten, da würde jemandem ein Zahn gezogen."
    Einmal sprach Präsident Grant auf der Generalkonferenz über die Beliebtheit seiner Stimme: „Viele meiner Freunde kommen zu mir und flehen mich an, nicht zu singen... Einer meiner Mitapostel hat gesagt: ,Heber, tritt ein, aber sing nicht!'... Bei unseren Versammlungen im Tempel sagen die Brüder: ,Das ist genauso unmöglich, wie es für Bruder Grant unmöglich ist, ein Lied zu singen', und damit ist die Sache entschieden. Jedem ist dann klar, daß es sich um ein Ding der Unmöglichkeit handelt."
    Aber anstatt aufzugeben, machte Elder Grant weiter. Er beschreibt sein starkes Sehnen nach der „Gottesgabe”:
    „Alle Tage meines Lebens habe ich mich bemüht, das Lied ,O mein Vater' zu singen, das Schwester Eliza R. Snow geschrieben hat. Als ich noch klein war, hat sich außer meiner eigenen Mutter keine Frau so sehr um mich gekümmert, mich so mütterlich beraten und mich so geliebt wie Schwester Snow. Ich liebte sie von ganzem Herzen und mochte auch ihr Lied ,O mein Vater' so gern. Ich sagte zu Bruder Horace S. Ensign, daß ich bereit wäre, vier bis fünf Monate von meiner Freizeit zu opfern, wenn ich nur dieses eine Lied singen lernen könnte. Er meinte, mit der nötigen Ausdauer könne jeder singen lernen. Und so schlug ich vor, wir sollten uns zusammensetzen und meinen ersten zweistündigen Unterricht über dieses Lied beginnen. Ich nehme heute noch Unterricht, und ich habe dieses Lied bis zu 115 mal am Tag gesungen."
    Elder Grant berichtete: „Als einer der leitenden Beamten der Kirche mich singen hörte, kurz nachdem ich zu üben begonnen hatte, bemerkte er, mein Gesang erinnere ihn sehr an die Dichtkunst des verstorbenen Apostels Orson Pratt, die so klang, als sei sie aus Brettern gesägt." Dann wieder hänselte man ihn, er habe eine Stimme „wie ein Palisadenzaun”.
    Auf einer Fahrt nach Arizona fragte Elder Grant seine Begleiter Rudger Clawson und J. Golden Kimball, ob sie etwas dagegen hätten, wenn er im Lauf des Tages 100 Lieder sänge. „Sie faßten es als Witz auf”, erzählte er, „und versicherten mir, es würde ihnen ein Vergnügen sein. Wir waren von Holbrook nach St. Johns unterwegs, das sind ungefähr 100 Kilometer. Nach dem vierzigsten Lied meinten sie, sie würden die restlichen sechzig nicht ohne Nervenzusammenbruch überstehen.” Elder Grant kümmerte sich nicht um ihr Flehen, sondern „nahm sie beim Wort und sang alle hundert“ Bei der Konferenz, die sie in Snowflake besuchten, wollte Elder Grant das Lied „O mein Vater” singen, jedoch: „Ich kam nur bis zum ,O', und selbst das war falsch.”
    Nach seinem Fiasko in Arizona war sein Entschluß nur noch stärker. Er sang tatsächlich oft 100 Lieder am Tag. „Und nach zwei, drei Monaten waren ich und Bruder Ensign so sicher, daß ich ,O mein Vater' und ,Gott wirket oft geheimnisvoll' singen könne, daß ich bei einer Sonntagsschulkonferenz in unserem großen Tabernakel freiwillig vor 10000 Anwesenden ,O mein Vater' sang. Das Haus war vollbesetzt, und manche Leute mußten stehen. "s
    Elder Grant hatte an diesem Abend Lampenfieber und war sehr nervös. Er sagte: „Ich hoffte, den jungen Leuten ein praktisches Beispiel vorzuführen und sie zu ermuntern, daß sie singen lernten. Es ging daneben, denn ich konnte in beinahe keiner einzigen Strophe die Stimme halten, und anstatt die jungen Leute zu ermuntern, habe ich sie wahrscheinlich abgeschreckt. "Vor der Versammlung hatte er das Lied schon viele Male fehlerfrei gesungen, doch das große Publikum hatte ihm Furcht eingeflößt, so daß ihm die Stimme versagte. Er konnte nicht zur Begleitung singen, sondern hielt mitten in dem Lied inne und gestand scherzend ein, er wisse, daß er falsch singe. Im Publikum gab es viel unterdrückte Heiterkeit über diese Untertreibung. Elder Grant bat, die Begleitung in einer anderen Tonart zu spielen, und machte weiter, bis er alle vier Strophen gesungen hatte. „Dann gab ich zu, daß mir wohl bewußt sei, daß ich dieses Lied nicht richtig gesungen habe - die Anwesenden hatten fast die ganze Zeit gelacht -, kündigte aber an, daß ich es wieder singen würde und es auch bei künftigen Konferenzen so oft singen würde, bis ich es fehlerlos schaffte."
    Trotz seiner guten Absicht und trotz dem Versuch, die peinliche Situation mit Humor zu tragen, war er traurig und mußte sich Reaktionen anhören, die ihn schmerzten. „Als ich nach dem ersten Versuch, im Tabernakel zu singen, nach Hause kam, sagte meine Tochter Lucy: ,Papa, als du gesungen hast, mußte ich lachen, um nicht zu weinen - ich habe mich deiner so geschämt.“
    Auch von Brigadegeneral Richard W. Young, seinem besten Freund, bekam er einen Brief: „Ich gebe zu, daß das, was du sagen wolltest, gut war, nämlich: Wenn du singen lernen kannst, gibt es nichts, was einen entmutigen müßte. Doch die Tatsache, daß der Erfolg letztlich nur zu erreichen ist, indem man bis zur Lächerlichkeit geht, macht das Vorhaben schwierig und heikel, besonders für einen Apostel, der es sich zum Unterschied vom gewöhnlichen Möchtegernmusiker nicht leisten kann, seine Stimme auf Kosten seines Rufes als vernünftiger Mann zu kultivieren."
    Aber trotz des gewaltigen Fehlschlages und trotz der Kritik von seiten der Familie und seiner Freunde ließ sich Elder Grant nicht entmutigen: „Das bestärkt mich nur in meinem Entschluß, singen zu lernen”, sagte er.
    Kurz danach besuchte er eine Abendgesellschaft. „Einer der Anwesenden bat mich, das Lied ,O mein Vater' zu singen, und im selben Moment bat jemand, ich möge doch ,Gott wirket oft geheimnisvoll' singen. Ich bat Schwester Snow, mich auf dem Klavier zu begleiten... Sie hatte mitgehört, wie man mich gebeten hatte, ,O mein Vater' zu singen, und ich hatte die andere Bitte gehört. Sie spielte ,0 mein Vater', während ich ,Gott wirket oft geheimnisvoll' sang. Zum Glück sind die ersten drei Noten dieser beiden Lieder gleich; Schwester Snow merkte, was ich tat, spielte ,Gott wirket oft geheimnisvoll' weiter, und wir schafften es ganz gut."
    Er hatte seine Nervosität, wenn er vor dem Publikum stand, noch immer nicht überwunden, doch wußte er, daß er Fortschritt machte und seinem Ziel näherkam. „Als ich anfing, singen zu lernen, verunglückte ich fast in jeder Zeile und merkte es gar nicht”, sagte er. „Soviel habe ich gelernt, daß ich nun merke, wenn ich falsch singe." Er übte ständig und lernte als Hilfe die Töne des Klaviers. „Als ich damit anfing”, schrieb er, „schlug ich oft eine Taste an, sang aber einen ganz anderen Ton dazu und merkte den Unterschied nicht. Heute nimmt mein Ohr so einen Fehler wahr, was deutlich zeigt, daß meine musikalische Taubheit langsam verschwindet." „Ich brauche nur mehr ein Zehntel der Zeit, die ich am Anfang brauchte, um ein Lied zu lernen”, berichtete er befriedigt.
    Als Elder Grant dreiundvierzig Jahre alt war, traf er zufällig in einem Gemeindehaus mit Professor Charles J. Thomas zusammen, dem Musiklehrer, der ihm in seiner Kindheit gesagt hatte, er würde niemals singen lernen. Elder Grant sprach ihn an und sagte ihm, er habe es inzwischen doch gelernt. „Ich kann zwar nicht die Tonleiter singen - do, re, mi, fa, so, la, ti, do -, denn ich habe es erst heute morgen erfolglos eine Stunde lang gemeinsam mit meiner Frau probiert”, sagte er. „Aber ich kann zwei Lieder.”
    „Ich glaube kein Wort davon”, war die Antwort.
    Und so erbrachte Elder Grant den Beweis: „Wir gingen in eine Ecke des Gemeindehauses, und ich sang ihm leise alle sechs Strophen des Liedes ,Gott wirket oft geheimnisvoll' vor. Als ich fertig war, meinte er, das sei unbegreiflich: Ich hätte nicht eine einzige Note falsch gesungen. Ich versicherte ihm, ich hätte es begriffen und das Lied wahrscheinlich nicht weniger als fünf-tausendmal geübt, bis ich es konnte. Sofort bat er mich, im Tempelchor mitzusingen, den er damals leitete. Ich tat es und sang mehrere Jahre im Tempelchor."
    Präsident Grant sagte über seine jahrelangen Bemühungen: „Mehr als einmal habe ich bewiesen, daß das, was man beständig tut, leichter wird; nicht daß sich die Natur der Sache ändert, sondern unsere Fähigkeit, es zu tun, nimmt zu.' Ich tat es, indem ich zwei Stunden lang ein Lied übte und es dann öffentlich fehlerfrei sang. Heute kann ich über zweihundert Lieder.... Daß ich singen gelernt habe, betrachte ich als eine der größten Leistungen meines Lebens.“ ﷓ „Niemand weiß, wieviel Freude es mir bereitet hat, im Tabernakel und anderswo zu stehen und mitzusingen, denn früher ärgerte es mich unsäglich, wenn ich es vergeblich versuchte; ich habe nämlich die Texte der Zionslieder sehr gern."
    Joan Oviatt, Juni 1985