John Taylor -- ein mutiger Mensch
geschrieben von mormonen | 7 Mär, 2008Kurz bevor der Prophet Joseph Smith und sein Bruder Hyrum im Gefängnis in Carthage umgebracht wurden, sang Elder John Taylor, der mit ihnen im Gefängnis saß, ihnen zum Trost das Lied „Ein armer Wandrer”. Wenige Minuten darauf waren Joseph und Hyrum Sntith tot, während Elder Taylor auf wundersame Weise dem Tod entgangen war, weil die Kugel, die ihn getroffen hatte, an seiner Taschenuhr abgeprallt war.
Dieses dramatische Ereignis ist vielleicht das bekannteste aus dem Leben von John Taylor, der später der dritte Präsident der Kirche wurde. Aber vielleicht hat kaum jemand eine klare Vorstellung von dem Mann selbst – von seiner Kühnheit und seinem aufrichtigen Glauben und von seiner ungeheuer erfolgreichen Arbeit als Journalist und Missionar für die Kirche.
Sein Charakter läßt sich vielleicht am besten mit den beiden Spitznamen umschreiben, die man ihm als jungem Mann aus Zuneigung gegeben hat, nämlich „Verteidiger des Glaubens” und „Verfechter der Freiheit”.
Wie schafft es ein Mann, sich vor eine große, ihm feindlich gesinnte Menschenmenge hinzustellen und sie offen aufzufordern, ihm etwas anzutun – und gleichzeitig so verständnisvoll zu sein, daß er sich in die Gefühle seiner Mitmenschen hineinversetzen und Streitigkeiten schlichten kann, ohne ein einziges Wort zu sagen?
John Taylor hat sich diese Eigenschaften schon als junger Mensch angeeignet, als er sich für den Herrn und sein Evangelium entschied. Er wurde am 1. November 1808 in England geboren und suchte schon als Junge ernsthaft nach der Wahrheit. „Schon als so junger Mensch”, sagte er später, „habe ich gelernt, mich Gott zu nahen. Häufig hin ich aufs Feld gegangen und habe mich hinter einem Busch versteckt, mich vor dem Herrn niedergebeugt und ihn angefleht, mich zu führen. Und er hat mein Beten erhört. Manchmal konnte ich andere Jungen dazu bewegen, mitzukommen. Es kann Ihnen nicht schaden, ... den Herrn an einem stillen Ort anzurufen, so wie ich es getan habe.” (Journal of Discourses, 5:314 f.)
Mit sechzehn Jahren trat John Taylor in die Methodistenkirche ein, und mit siebzehn wurde er als Laienprediger bestellt. Später, so berichtet er, „fühlte ich mich sehr gedrängt, nach Amerika zu gehen und das Evangelium zu verkünden” (zitiert in B. H. Roberts, The Life of John Taykrr, Sah Lake City, 1963, Seite 28). 1832, im Alter von dreiundzwanzig Jahren, wanderte er nach Kanada aus. In Toronto lernte er Leonora Cannon kennen, die auch aus Großbritannien stammte, und heiratete sie. Er predigte weiter für die Methodisten, war aber mit dieser Religion unzufrieden, und so gründeten er und seine Frau mit Freunden eine religiöse Studiergruppe, in der sie für die Wiederherstellung des neutestamentlichen Christentums beteten. Inzwischen war John Taylor auch in den Berufen tätig, die er in England erlernt hatte — nämlich als Tischler und Drechsler.
Vom wiederhergestellten Evangelium hörten die Taylors unter ungewöhnlichen Umständen. 1836 wurde Parley P. Pratt aufgrund einer Offenbarung nach Toronto gesandt, um das Evangelium zu verkünden. Elder Heber C. Kimball hatte über Elder Pratts Mission in Kanada folgendes prophezeit: „Diese Mission wird es mit sich bringen, daß die Fülle des Evangeliums sich bis nach England ausbreiten wird.” (Siehe Roberts, Seite 35.) Elder Pratt erhielt von einem Fremden ein Empfehlungsschreiben an einen John Taylor in Toronto. Als er sich dann bei den Taylors vorstellte, wurde er höflich, aber nicht gerade herzlich empfangen. Später, nachdem Elder Pratt den Geistlichen in der Stadt seine Botschaft vorgetragen hatte, bereitete er sich darauf vor, wieder abzureisen. Er verabschiedete sich gerade mit dem Koffer in der Hand von John Taylor, als eine Nachbarin — ein Mitglied der Studiergruppe der Taylors — hereinkam und Elder Pratt anbot, er könne in ihrem Haus predigen und dort auch kostenlos wohnen. So kam es, daß John und Leonora Taylor Elder Pratt predigen hörten. Anschließend sagte John Taylor zu seinem Freundeskreis folgendes:
,Wir sind hier, weil wir erklärtermaßen nach der Wahrheit suchen. Bisher haben wir uns gründlich mit anderen Glaubensgemeinschaften und Lehren befaßt und bewiesen, daß sie falsch sind. Warum sollten wir uns dann davor fürchten, den Mormonismus zu untersuchen? Dieser Herr, Mr. Pratt, hat uns viele Lehren dargelegt, die unseren Vorstellungen entsprechen. . . . Wir haben zu Gott gebetet, er möge uns einen Boten senden, wenn er auf der Erde eine wahre Kirche hat.... Ich möchte seine Lehren und seinen Anspruch auf Vollmacht untersuchen und werde mich freuen, wenn meine Freunde sich mir dabei anschließen. Und wenn sich mir niemand anschließt, werde ich die Untersuchung allein durchführen. Wenn ich feststelle, daß seine Religion wahr ist, werde ich sie annehmen, was die Folgen auch sein mögen; wenn sie aber falsch ist, dann werde ich das aufdecken" (Siehe Roberts, Seite 38 f.)
Drei Wochen lang folgte John Taylor Elder Pratt von Ort zu Ort und schrieb die Predigten, die Elder Pratt hielt, mit und verglich sie dann für sich mit der heiligen Schrift. Nachdem John und Leonora Taylor sich davon überzeugt hatten, daß der Missionar die Wahrheit lehrte, ließen sie sich taufen. John Taylor, der damals achtundzwanzig Jahre alt war, wurde zum Ältesten ordiniert, und als die Missionare wieder abreisten, wurde die Gemeinde in Kanada seiner Obhut anvertraut.
Bruder Taylor bekehrte in Toronto viele Freunde und Nachbarn. Ein Jahr nach ihrer Taufe zogen die Taylors dann nach Far West in Missouri. Im darauffolgenden Jahr, am 19. Dezember 1838, kurz nach seinem dreißigsten Geburtstag, wurde John Taylor zum Apostel ordiniert.
Vier Jahre darauf wurde Elder Taylor zum Herausgeber der Times and Seasons, der Zeitung der Kirche für Nauvoo, ernannt. In den darauffolgenden Jahren gab er viele Zeitungen, Hefte und Traktate heraus, die er zum Teil selbst verfaßte. Brigham Young hat über Elder Taylor gesagt: „Einen besseren Verstand als den seinen wird man nur schwer finden; er ist ein mächtiger Mann, ein gewaltiger Mann, und wir können sagen, daß er ein mächtiger Herausgeber ist, aber ich will einen Ausdruck benutzen, der mir gefällt: Ich sage, er ist einer der besten Herausgeber, die jemals geschrieben haben” (Journal of Discourses, 4:34.) 1882, als Präsident der Kirche, schrieb John Taylor das Buch The Mediation and Atonement of Our Lord and Savior Jesus Christ, in dem er die heiligen Schriften auslegte und eindrucksvoll von Jesus Christus als unserem Erretter und Erlöser Zeugnis gab.
Sein Leben lang war Elder Taylor auch als gewaltiger Redner bekannt, der seine Zuhörer mit seiner Logik beeindruckte und nicht bloß ihre Gefühle ansprach. In Erfüllung der Prophezeiung war er seinen Mitaposteln behilflich, in seiner Heimat das Evangelium zu verkünden. Er war der erste, der in Liverpool, auf der Isle of Man und in Irland das wiederhergestellte Evangelium verkündete. Später beaufsichtigte er die Missionsarbeit in Frankreich und Deutschland. Dort überwachte er auch die Übersetzung des Buches Mormon in die französische und die deutsche Sprache. Außerdem rief er zwei Zeitschriften ins Leben: in Frankreich den Etoile (Stern) und in Deutschland das Zionspanier.
Elder Taylor spielte auch eine wichtige Rolle bei der Ansiedlung der Mormonen in Nauvoo und später im Salzseetal. Nach dem Märtyrertod von Joseph und Hyrum Smith war John Taylor im Herbst 1847 Elder Parley P. Pratt behilflich, eine Gruppe von 1500 Mormonen ins Salzseetal zu führen. Dort fungierte er viele Jahre lang als Richter, Abgeordneter und Schulrat. Als Präsident Brigham Young 1877 starb, übernahm der neunundsechzigjährige John Taylor bis zu seinem Tod im Jahre 1887 die Führung der Kirche.
Aber der Mann selbst – was für ein Mensch war er? Die folgende Begebenheit kann uns einen kleinen Einblick in sein Wesen vermitteln. Elder Taylor sollte als junger Apostel zu einer Gruppe von Mitgliedern bei Columbus, Ohio, sprechen. Kurz bevor die Versammlung beginnen sollte, berichteten ihm ein paar Mitglieder, die meisten Bewohner des Ortes hätten vor, zu der Versammlung im Freien zu kommen. Die Mitglieder rechneten damit, daß Elder Taylor geteert und gefedert werden sollte, und rieten ihm, nicht hinzugehen. Er dachte kurz nach und erwiderte dann, er werde sehr wohl hingehen, und wenn seine Freunde nicht mitkommen wollten, werde er allein gehen.
Als er ankam, teilte er den Anwesenden mit, er sei erst vor kurzem aus Kanada gekommen, das ja von einem König regiert werde: „Meine Herren, jetzt stehe ich unter Menschen, deren Väter siegreich für eine der größten Segnungen gekämpft haben, die den Menschen je zuteil geworden ist, nämlich das Recht, zu denken, zu sprechen, zu schreiben, das Recht, zu bestimmen, wer sie regieren soll, und das Recht, Gott zu verehren, wie es ihnen das Gewissen gebietet.... Ich sehe um mich herum die Söhne dieser großen Männer, die – ehe sie sich den Befehlen eines Tyrannen fügten, ihr Leben, ihr Hab und Gut und ihre Ehre dafür eingesetzt haben, diese Ketten zu sprengen... .
Aber nun habe ich zufällig erfahren, daß ihr vorhabt, mich wegen meiner religiösen Ansichten zu teeren und zu federn. Ist das die Wohltat, die eure Väter euch vererbt haben? Ist das der Segen, den sie mit ihrem Herzblut erkauft haben – ist das eure politische Freiheit? Dann habt ihr jetzt euer Opfer, und wir wollen es der Freiheitsgöttin darbringen.”
Damit riß er sich die Weste auf und sagte: „Meine Herren, kommt mit eurem Teer und euren Federn, euer Opfer ist bereit. Und ihr Schatten der ehrwürdigen Patrioten, schaut euch die Taten eurer degenerierten Söhne an! Los, meine Herren! Los, sage ich, ich hin bereit!”
Niemand rührte sich, niemand sagte ein Wort. Elder Taylor, der 1,80 Meter groß war, stand hochaufgerichtet da, ruhig aber herausfordernd. Es kam niemand.
Nach einer kurzen Pause predigte er dann drei Stunden lang! Zum Schluß kamen füihrende Persönlichkeiten des Ortes zu ihm und erklärten ihm, es mißfalle ihnen, daß Ihre Mitbürger so feindliche Absichten gehabt hätten. (Siehe Roberts, Seite 53 ff.)
Sein Mut und sein Glaube kamen auch zum Ausdruck, als er auf eine seiner Missionen in England berufen wurde. Nach der beschwerlichen Reise von Far West, Missouri, kam Elder Taylor mit einem einzigen Cent in der Tasche in New York an. Aber es lag ihm nicht, groß über seine Armut zu reden, und als ihn jemand fragte, ob er Geld habe, sagte er ja. Am nächsten Tag sprach Elder Parley P Pratt ihn an:
„Bruder Taylor, wie ich höre, habt Ihr reichlich Geld.”
„Ja, Bruder Pratt, das stimmt.”
„Gut”, sagte Elder Pratt. „Ich habe nämlich vor, mein Buch A Voice of Warning und meine Gedichtsammlung Millennial Poems herauszugeben, und brauche dringend Geld. Wenn Ihr mir mit zwei-, dreihundert Dollar aushelfen könntet, wäre ich Euch sehr verbunden”
„Ja, Bruder Parley, Ihr könnt gern alles haben, was ich besitze, wenn es Euch etwas nützt.” Und damit griff er in seine Tasche und holte das Centstück heraus.
Da lachten sie beide herzlich, und Elder Pratt fragte: „Aber ich dachte, Ihr hättet erzählt, Ihr hättet reichlich Geld.”
„Ja, das stimmt auch”, erwiderte Elder Taylor. „Ich bin gut gekleidet, Ihr gebt mir reichlich zu essen und zu trinken und eine gute Unterkunft; und da ich all das und noch einen Penny übrig habe und niemandem etwas schulde, ist das doch reichlich.”
An dem Abend kamen einige der führenden Brüder der Kirche, die vorhatten, nach England zu reisen, zusammen, und Elder Pratt schlug vor, sie sollten Elder Taylor doch mit dem nötigen Geld für die Schiffsreise aushelfen. Das lehnte Elder Taylor ab. Er meinte, wenn sie etwas übrig hätten, dann sollten sie es lieber Elder Pratt geben, der habe schließlich seine Familie zu versorgen und brauche für seine Veröffentlichungen Geld. Wilford Woodruff, der selbst auch ein Mann mit großem Glauben war, äußerte sich bedauernd über Elder Taylors Haltung.
„Ach, das bereitet mir kein Kopfzerbrechen”, erwiderte Elder Taylor. „Bucht ruhig für mich einen Platz auf Eurem Schiff, ich werde das Geld schon beschaffen."
Und dann erhielt Elder Taylor von verschiedenen Personen, die der Geist des Herrn dazu bewog, soviel Geld geschenkt, daß er nicht nur für sich, sondern für noch einen weiteren Missionar die Überfahrt bezahlen konnte. (Siehe Roberts, Seite 72ff.)
Ein wahrhaft mutiger und unerschrockener Mann – als Autor und Redner und in der Tat!
John Taylor brachte seinen Mitmenschen aber auch viel Verständnis und Liebe entgegen. Einmal, während seiner Zeit als Präsident des Kollegiums der Zwölf Apostel, kamen zwei alte, glaubenstreue Brüder zu ihm, weil zwischen ihnen ein bitterer Streit entstanden war. Sie hatten beschlossen, jegliche Entscheidung von Präsident Taylor zu akzeptieren. Also gingen sie zu ihm und baten ihn, ihre Geschichte anzuhören.
Er sagte: „Brüder, bevor ich mir eure Sache anhöre, möchte ich euch sehr gern ein Zionslied singen.” Präsident Taylor konnte hinreißend singen. Als er den beiden Männern ein Lied vorgesungen hatte, erklärte er, wenn er eins der Zionslieder gehört habe, müsse er immer unbedingt noch ein zweites hören. Die beiden Brüder erklärten sich bereit, noch ein Lied anzuhören. Nach dem zweiten sagte Präsident Taylor mit einem Zwinkern, ungerade Zahlen brächten Glück, und sang mit Zustimmung der beiden noch ein Lied. Anschließend sagte er lächelnd: „Liebe Brüder, ich will euch nicht lästig fallen, aber wenn ihr mir vergebt und euch noch ein einziges Lied anhört, will ich danach auch gewiß eure Sache anhören.” Bis er das vierte Lied gesungen hatte, weinten die beiden; sie standen auf, reichten sich die Hand und baten Präsident Taylor, zu entschuldigen, daß sie seine Zeit in Anspruch genommen hätten. Sie gingen fort, ohne ihm überhaupt erzählt zu haben, weshalb sie sich gestritten hatten. Sein Singen hatte sie miteinander versöhnt. (Siehe lmprrovement Era, September 1940, Seite 522.)
Ein andermal hatten die Mitglieder eines Zweiges Schwierigkeiten miteinander. „Als wir uns versammelt hatten”, so berichtete Präsident Taylor später, „eröffnete ich die Versammlung mit einem Gebet und bat dann auch einige der Anwesenden, ein Gebet zu sprechen; das taten sie, und der Geist Gottes ruhte auf uns. Ich spürte, daß diejenigen, die gekommen waren, um ihre Beschwerden vorzubringen, ein gutes Gefühl im Herzen hatten, und sagte ihnen, sie sollten ihre Sache vortragen. Aber sie meinten, sie hätten nichts mehr vorzubringen. Die bösen Gefühle und der Geist, der sie ergriffen hatte, waren von ihnen gewichen; der Geist Gottes hatte ihnen diese Gefühle aus dem Herzen getilgt, und sie wußten, daß es recht war, wenn sie einander vergaben.” (Journal of Discourses, 21:366 f.)
So war John Taylor!
Es war Ironie des Schicksals, daß er, der doch als Verfechter der Freiheit bekannt war, als Prophet die meiste Zeit im Exil verbrachte, weil die US-Regierung die Mormonen heftig verfolgte, weshalb auf seine Weisung auch viele Mitglieder nach Mexiko und Kanada emigrierten.
Während einer schwierigen Phase hat Elder Taylor einmal gesagt: „Was mich betrifft, so sagte ich: Es soll alles so kommen, wie Gott es bestimmt hat. Ich wünsche mir keine Prüfungen; ich wünsche mir keine Bedrängnis.... Aber wenn die Erde dröhnend bebt, wenn Blitze zucken und Donner rollen und die Mächte der Finsternis losgelassen werden und der Geist des Bösen toben darf und ein böser Einfluß über die Heiligen kommt und ich mit ihnen geprüft werde, dann soll es so sein, denn wir sind die Heiligen des Allerhöchsten. ... Ich möchte lieber ruhig sein und mich ganz für die Arbeit einsetzen, was auch immer anfällt. Wenn es um den Frieden geht, dann soll Frieden herrschen; wenn aber Krieg ist, dann ganz und gar.” (Journal of Discourses, 5:114f, 122.)
Zum Glück ging der Konflikt dann friedlich aus. Aber ohne John Taylors großen Mut hätten vielleicht viele Mitglieder in diesen schweren Zeiten aufgegeben. Er ist ein gutes Beispiel dafür, daß Mut wirklich ansteckend ist. Und so kann es auch bei uns und hei den Menschen sein, auf die wir Einfluß haben.
Leon R. Hartsborn, März 1993