Erinnerungen an Vater und Mutter
geschrieben von mormonen | 23 Mai, 2008Präsident David 0. McKay und Emma Riggs McKay
David L. McKay (April 1985)
Wer kann Präsident David O. McKay und seine Frau Emma Ray schon vergessen? Es gibt viel, an das man sich erinnern kann, denn Präsident McKay hat über sechsunddreißig Jahre – länger als jede andere Generalautorität in dieser Evangeliumszeit – in der Ersten Präsidentschaft und im Kollegium der Zwölf gearbeitet. Und während all der Jahre war seine Frau an seiner Seite, nahm an allem teil, was er tat.
Für mich und meine Geschwister waren sie natürlich mehr als nur Präsident McKay und seine Frau, sie waren Vater und Mutter. Ein bekannter Ausspruch meines Vaters lautet: „Ein Versagen in der Familie läßt sich durch keinen anderen Erfolg wettmachen.” Beide bauten eine glückliche Familie auf, und zwar durch Liebe und ein evangeliumsgemäßes Leben. Einen größeren Segen hätten wir nicht erhalten können.
David O. McKay wurde am B. September 1873 in Huntsville in Utah geboren. Sein Lerneifer wurde früh deutlich, als er die Post per Pferd nach La Plata, einer Bergbaustadt nördlich von Huntsville, brachte. Während des Reitens lernte er Literaturauszüge auswendig, und viel davon machte die Reden, die er später hielt, lebendig.
Er hatte Shakespeare besonders gerne und zitierte ihn oft in der Alltagssprache. Ich kann mich an einen Vorfall in Stockholm in Schweden erinnern. Ein Reporter bat meinen Vater um ein Interview. Vater antwortete ihm mit einem Zitat aus Othello: „Sprecht von mir, wie ich bin – beschönigt nichts, und schreibt auch nichts mit Groll.” (Fünfter Aufzug, zweite Szene.) Auch der schottische Dichter Robert Burns gefiel ihm sehr. Als wir in Schottland waren, besichtigen wir voller Freude die Kate Burns. Der Wächter war ganz begeistert, als er Vater den Dichter zitieren hörte.
Als David O. McKay ein Junge war, ging er in Huntsville zur Schule, anschließend auf die Weber State Academy in Ogden in Utah. Er unterrichtete dann in der Schule in Huntsville, von wo er dann nach Salt Lake City an die Universität von Utah ging. Dort begegnetete er auch Emma Ray Riggs, die schöne Tochter seiner Vermieterin.
Ray, wie sie gerufen wurde, war am 23. Juni 1877 in Salt Lake City geboren worden. Ihr Vater sagte, sie sei nach dem Sonnenstrahl genannt worden (ray heißt auf deutsch Strahl), und dieser Name erwies sich als sehr passend. Sie war ein scheues, aber hübsches Mädchen mit festen Vorstellungen und voller Ideen. Ein Professor an der Universität von Utah sagte ihr, sie sei zu scheu, um jemals Erfolg in der Gesellschaft zu haben. Kurz danach besuchten beide die gleiche Abendparty. Die Party fing langweilig an, also ging Ray ans Klavier, spielte ein paar bekannte Lieder und brachte die jungen Leute dazu, mitzusingen und ein paar Spiele zu machen. Der Abend war ein großer Erfolg. Der Professor sprach sie später an und entschuldigte sich für seine Ansicht. Mrs. Riggs vermietete einige Häuschen hinter ihrem Haus. Eines Tages sahen Ray und ihre Mutter vom Fenster aus zu, wie zwei neue Mieter mit ihrer Mutter ankamen. Es handelte sich um zwei neue Studenten der Universität von Utah, nämlich David 0. McKay und seinen Bruder Thomas E. McKay. Mrs. Riggs sagte: „Das sind zwei Jungen, die eine Frau glücklich machen werden. Schau nur, wie besorgt sie um ihre Mutter sind.”
Ray entgegnete: „Der Dunkle gefällt mir.” (Das war David O. McKay.) Sie gingen zum erstenmal miteinander aus, als die Abschiedsparty für meinen Vater stattfand, der auf Mission ging. Er schrieb in sein Tagebuch: „Habe Miss Riggs nach Huntsville eingeladen. . . Gingen nach Ogden zu Mrs. White und Mrs. Riggs... Um sechs Uhr machten wir uns auf den Nachhauseweg . . . Abends sollte die Abschiedsparty stattfinden. Viele Freunde waren da, und wir hatten viel Spaß.”
Später nannte er sie „Ray”. „Sonntag, 1. August. Bin zur Sonntagsschule und zur Abendmahlsversammlung gegangen. Abends bin ich nach South Hills gefahren. Die Berge waren im Licht der untergehenden Sonne ganz rot, wunderbar. Abends ein Spaziergang mit Ray. Haben einander Geheimnisse erzählt. Den Abend werde ich nie vergessen!”
Mutter hat später erzählt: „Wir haben die ganze Zeit Händchen gehalten.”
Als Ray erfuhr, daß David O. McKay von seiner Mission, die ihn nach Schottland geführt hatte, zurückkommen würde, befand sie sich gerade auf Antilope-Island im Salzsee. Zu der Zeit war das wirklich noch eine Insel. Sie besuchte ihre Verwandten, die Whites, die dort eine Viehfarm hatten. Das Passagierboot konnte sie nicht mehr rechtzeitig an Land zurückbringen, damit sie David O. McKay sehen konnte. Deshalb rüsteten sie und ihre Kusine Belle ein altes Ruderboot mit einem Segel aus und segelten über den See, damit Ray rechtzeitig genug in Salt Lake City sein konnte, wenn mein Vater ankam.
Nach seiner Mission unterrichtete mein Vater an der Weber State Academy, wo er 1902 Rektor wurde. Ray hatte inzwischen ihr Studium an der Universität von Utah abgeschlossen und zwei Stellen als Lehrerin angeboten bekommen: eine in Salt Lake City und eine an der Madison School in Ogden. Diese Schule lag der Weber Academy genau gegenüber, nur der Lester Park war dazwischen. Ihr Zuhause, ihre Familie und ihre Freunde waren in Salt Lake City, und also hätte sie allen Grund gehabt, dort zu bleiben. Sie entschied sich aber für Ogden.
Ray und David O. trafen sich oft im Park. Dort fragte er sie, ob sie ihn heiraten wolle. Sie antwortete: „Bist du auch sicher, daß ich die Richtige bin?”
„Ich bin sicher”, entgegnete er.
Sie heirateten am 2. Januar 1901, das erste Paar, das in diesem Jahrhundert im Tempel in Salt Lake City gesiegelt wurde.
Sie mieteten ein Haus in Ogden, und dort kam auch ihr erstes Kind zur Welt. Als das Baby zwei Wochen alt war und keine Kinderschwester mehr brauchte, gab David O. McKay seiner Frau einen Abschiedskuß und machte sich auf den Weg zu einer Versammlung des Sonntagsschul-Ausschusses. Ray konnte es nicht glauben, daß der Mann, den sie so sehr liebte, sie mit dem Baby und schmutzigem Geschirr allein lassen würde! Sie fing an zu weinen. Dann dachte sie daran, wie ihre Mutter gesagt hatte: „Weine nicht, bevor du verletzt worden bist” und „Weine nicht über verschüttete Milch.”
Als Ray ein kleines Mädchen war, fragte sie immer zurück: „Wenn ich nicht weinen darf, bevor ich verletzt worden bin, und wenn ich nicht weinen darf, nachdem ich verletzt worden bin, wann soll ich denn dann überhaupt weinen?”
„Weine gar nicht”, lautete die Antwort.
Ray dachte daran und sagte sich, sie solle nicht so albern sein. Sie beschloß in jenem Augenblick, daß sie nie böse sein würde, wenn ihr Mann im Rahmen seiner Kirchenberufung unterwegs wäre. Es war gut, daß sie diese Entscheidung getroffen hatte, denn ein ganzes Leben mit Berufungen ihres Mannes in der Kirche lag vor ihr.
Vater hatte an der Weber State Academy viel zu tun. Das einzige Gebäude platzte aus allen Nähten. Ich kann mich daran erinnern, wie ich einmal mit dem Papierkorb in Vaters Büro spielte, das eigentlich nur ein schmaler Durchgang zwischen den beiden Eingangstüren des Gebäudes war. Die Treuhänder hatten bereits ihre Häuser belastet und konnten sich einfach keinen Anbau leisten. So brachte Rektor McKay seine Fakultät zum Mithelfen und ging selber Geld sammeln. Ich kann mich erinnern, wie erfreut er eines Tages nach Hause kam, weil Samuel Newhouse, der nicht der Kirche angehörte, ihm 5000 Dollar gegeben hatte. Das war zur damaligen Zeit eine Riesensumme. Der Anbau konnte errichtet werden. Nun gab es Platz für Unterrichtsräume, einen Handwerksraum und ein Chemielabor.
Schon früh sagte sich Rektor McKay, daß die Schule eine Musikband brauchte, deshalb stellte er eine zusammen und dirigierte sie auch selbst. Eines Tages ging Ernest Nichols, ein Musiker, an der Schule vorbei, als die Band übte. Die schiefen Töne, die aus dem Fenster drangen, waren zuviel für ihn, deshalb ging er hinein und sagte dem Rektor, daß er einen Bandleader brauche. Bruder Nichols wurde sofort eingestellt. Er leitete das Orchester an der Akademie, in dem ich von 1915 bis 1919 mitspielte.
Vater wurde zum Assistenten von Thomas B. Evans in die Sonntagsschulleitung des Weber-Pfahles berufen. Er war für den Unterricht zuständig, und so entwarf er Unterrichtspläne, Vorbereitungsversammlungen und führte die einheitlichen Lektionen ein. Mit dem Pferdewagen besuchte er mit Mutter, die mich auf dem Arm hatte, die Sonntagsschulen in den verschiedenen Gemeinden.
Am 9. April 1906 war Generalkonferenz, und wir waren deshalb in Satt Lake City. Wir aßen bei einer befreundeten Familie. Da klingelte das Telefon. Mein Vater wurde gebeten, sofort in das Büro des Rates der Zwölf zu kommen. Vater ging hin, er dachte, er solle in den Bildungsausschuß der Kirche berufen werden. Unterwegs begegnete er Elder George Albert Smith, der ihn in das Büro des Präsidenten des Kollegiums, Präsident Francis M. Lyman, brachte.
„Sie sind also David O. McKay”, sagte Präsident Lyman. „Nun, David O. McKay, der Herr möchte, daß Sie ein Mitglied des Kollegiums der Zwölf Apostel werden.” Vater konnte nichts mehr sagen. „Haben Sie denn gar nichts dazu zu sagen?” fragte Präsident Lyman.
Vater sagte: „Ich bin weder würdig noch fähig, solch eine Berufung anzunehmen.”
„Nicht würdig, nicht würdig? Was haben Sie denn getan?”
Vater erklärte, er habe nichts Unanständiges getan, wie Präsident Lyman das vielleicht verstanden hatte. Aber er hatte das Gefühl, er sei für so eine hohe Berufung nicht gut genug und sei auch nicht in der Lage, sie zu erfüllen.
„Nun denn, glauben Sie denn nicht daran, daß der Herr Ihnen die notwendigen Fähigkeiten geben kann?”
„Doch, daran glaube ich.”
„Na also, sagen Sie aber nichts davon, bis Ihr Name heute nachmittag auf der Konferenz genannt wird.”
Also bewahrte Vater Stillschweigen. Mutter hatte keine Ahnung von der Berufung, bis sie nachmittags in der Generalkonferenz saß und die Namen der Mitglieder der Zwölf verlesen wurden, damit sie bestätigt werden konnten. Ray hörte:
. George F. Richards, Orson F. Whitney, David O. McKay." Sie brach in Tränen aus. Vater hörte jemand hinter ihnen sagen: „Da sitzt einer. Schau, seine Frau weint.”
Vater blieb solange Rektor der Weber Academy, bis der Anbau fertig war. Er war sehr beschäftigt, mußte er doch seine Arbeit an der Schule machen und Versammlungen in Salt Lake City besuchen. Er rannte oft die Straße hinunter, um den Zug noch zu erwischen, der zwischen Ogden und Salt Lake City verkehrte. Einmal eilte eine unbekannte Frau mit ihrem Wagen zu seiner Rettung herbei. Ein anderes Mal sprach er einen Jungen auf einem Pferd an und ritt zum Bahnhof. Ein Schüler sah das, und im Jahrbuch der Schule gab es dann eine Karikatur von Rektor David 0. McKay, wie er mit einem Jungen, dem ein breites Grinsen über das ganze Gesicht ging, hinter sich auf dem Pferd sitzt.
Als Vater seine Stellung aufgegeben hatte, war er trotzdem oft weg, denn die Kollegiumsarbeit erforderte viel Zeit. Es dauerte damals länger, nach St. George zu reisen als heute nach Südafrika. Als Vater wieder einmal lange weggewesen war, machte er Mutter ein Kompliment über das Abendessen. Sie bedankte sich, und meine vierjährige Schwester Lou Jean sagte: „Komm doch mal wieder vorbei.”
So trug Mutter die Hauptlast bei der Erziehung der Kinder. Sie lehrte uns, wie man betete, bevor man ins Bett geht, und daß wir uns auf den Vater im Himmel verlassen konnten. Sie sagte uns, daß wir sonntags nicht Baseball spielen durften. Sie war ein großartiger Kumpel. Bei uns gab es keine Generationsprobleme. Sie ging mit uns ins Kino, sie hatte genausoviel Spaß an grotesken Schauspielern wie wir. Sie konnte schließlich auch Vater überzeugen, daß Filme lustig waren.
Sie las uns gute Literatur vor, erzählte uns Geschichten und sang uns abends etwas vor. Sie hatte Gesellschaftsspiele gerne, und abends saßen wir oft alle zusammen um den Tisch und machten Spiele.
Mutter ließ es nie zu, daß wir uns stritten oder daß wir laut wurden. Sie war uns darin ein Beispiel, sie rief uns auch nie vom Haus aus, wenn wir hereinkommen sollten.
Mutter ließ uns aber nicht nur nicht streiten, sondern sie trug Unstimmigkeiten mit Vater niemals vor unseren Augen aus. Ich kann mich daran erinnern, wie sie einmal wohl unterschiedlicher Meinung gewesen sein müssen. Ich hatte einmal eine Anzeige für einen Sondersubskriptionspreis für zwei Zeitschriften gesehen, die ich sehr gerne haben wollte. Ich fragte Mutter, ob sie damit einverstanden sei. Ich dachte, sie sei einverstanden, aber sie sagte: „Frag Vater.” Das tat ich, und Vater sagte nein. Mutter sah mich an, sagte aber nichts. Ich weiß nicht, was die beiden besprochen haben, aber ein paar Tage später sagte Vater zu mir: „Lawrence, du hast wegen diesen zwei Zeitschriften gefragt. Das geht in Ordnung.”
Wie fast alle Mütter brachte auch Mutter Opfer. Als wir 1952 mit Vater und meiner Frau Mildred nach England reisten, zeigte sich das in ihrer ersten Ansprache in Glasgow. Sie sagte: „Mildred vertritt den Hauptausschuß der PV, Lawrence vertritt die Sonntagsschule, und ich bin hier, um für meinen Mann zu sorgen.” Sie war völlig aufrichtig, und den Anwesenden gefiel das sehr. Und sie sorgte immer für meinen Vater. Zu Hause gab es immer eine bestimmte Zeit für die Mahlzeiten. Vater kam oft zu spät von seinen Versammlungen in Salt Lake City zum Abendessen. Mutter sagte uns dann: „Eßt schon mal. Ich warte noch auf Papa. Er ißt nicht gern allein.”
Sie brachte auch Opfer auf dem Gebiet der Musik. Mutter musizierte gern. Ihre Mutter war Klavierlehrerin gewesen und hatte ihr das Grundsätzliche beigebracht. Außerdem war sie sechs Monate am Musikkonservatorium in Cincinnati in Ohio gewesen. Sie konnte eine Melodie von einer Tonart in die andere übertragen, und sie begleitete andere hervorragend auf dem Klavier. Ich spielte Violine, und mein jüngerer Bruder Llewelyn spielte Klarinette. Wir drei spielten an vielen Abenden zusammen als Trio und hatten viel Spaß dabei. Dann lernte Lou Jean, unsere jüngere Schwester, Klavier spielen und nahm Mutters Platz ein. Wir kamen gar nicht auf den Gedanken, Mutter zum Spielen aufzufordern, und wir dachten überhaupt nicht daran, wieviel Freude sie opferte, damit Lou Jean mitspielen konnte. Sie freute sich daran, daß ihre Kinder Spaß hatten und lernten.
Ich kann mich erinnern, daß ich ein Mal erwähnte, wie gerne ich Deutsch könnte. „Dann laß uns jetzt anfangen”, sagte sie. Ich saß in der Küche und mühte mich mit einem Lehrbuch der deutschen Sprache ab, und sie half mir bei der Aussprache und der Übersetzung, während sie das Abendessen machte.
Und die Grammatik! Jeder Satz, den wir sagten, mußte stimmen. Als Mutter in den Achtzigern war, besuchte ich sie und Vater eines Tages. Mutter war im Stuhl eingenickt, und ich unterhielt mich mit Vater, der in der Nähe im Lehnstuhl saß. Plötzlich richtete Mutter sich auf und sagte: „Lawrence, das war grammatikalisch nicht richtig.” Vater lachte und sagte: „Es gibt nichts, was deine Mutter so gut aufweckt wie falsche Grammatik.”
Mutter erzog uns mit Lob und Lächeln zu Disziplin. Sie schlug uns nie und schimpfte auch nicht mit uns, sah aber immer zu, daß wir gehorchten, wenn sie etwas sagte. Sie hat einmal gesagt: „Von allen Methoden zur Erziehung von Kindern ist es am schlimmsten, wenn man ihnen droht. . . Eine Mutter sollte nur selten etwas versprechen, aber wenn sie es tut, dann muß sie ihr Versprechen auch halten.”
Vater hatte in bezug auf Disziplin die gleiche Auffassung wie Mutter. Einmal war ich dabei, eine Mähre zu dressieren, die wir gerade gekauft hatten. Er sagte zu mir: „Verlang von einem Tier oder einem Kind niemals etwas, was es nicht tun kann, und verlang niemals etwas, was du es nicht tun siehst.” Er schlug nie, aber wir gehorchten immer. Er wiederholte eine Aufforderung oder eine Bitte niemals. Es reichte, wenn er es einmal sagte.
Eines Tages ritten wir in unserem Pferdewagen nach Huntsville. Llewelyn und ich spielten auf dem Rücksitz. Das war gefährlich, denn wir hätten leicht aus dem Wagen vor die Hinterräder fallen können. Vater sagte, wir sollten zu spielen aufhören. Wir hörten aber nicht auf. Als ich wieder zu mir kam, stand ich auf der Straße und sah, wie sich der Wagen bergauf entfernte. Ich ging hinterher. Ich fing an zu rennen. Glücklicherweise wartete Vater oben auf dem Berg mit dem Wagen auf mich. Llewelyn und ich waren den Rest des Weges ganz still.
Als ich acht Jahre alt war, machte Vater mit uns einen Ausflug in den Ozean-Park in Kalifornien. Ich war enttäuscht, als ich zum ersten Mal den Pazifik sah. Es war Ebbe, und der Ozean sah wie ein riesiger See aus. Wir übernachteten in einem Appartementhaus in der Nähe des Strandes. Ich stand früh auf und ging nach draußen, um mir den Ozean noch einmal anzusehen. Jetzt, wo ich selbst Kinder habe, kann ich mir vorstellen, wie aufgeregt Mutter gewesen sein muß, als sie merkte, daß ich nicht da war. Ich glaube, ich würde meinen Sohn ausschimpfen, wenn er weglaufen und die Autobahn überqueren würde, ohne mir zu sagen, wo er hinginge. Als ich am Strand stand und mir die hohen Wellen anschaute, die mit der Flut hereinkamen, me?kte ich auf einmal, daß Vater neben mir stand. Er sagte nur: „Es ist schön, nicht?”
So lehrte er, sanft und liebevoll. Eine meiner eindrucksvollsten Lektionen bekam ich, als wir einmal durch den Ogden Canon fuhren. Vater sagte: „Lawrence, ich treffe niemals eine Entscheidung, ohne mich vorher zu fragen: ,Wie werde ich das dem Erretter erklären, wenn ich ihm begegne?”'
Vater war sehr tierliebend. Llewelyn hatte ein paar Kaninchen. Einmal waren wir alle von Salt Lake City nach Huntsville unterwegs und etwa zwei Kilometer von zu Hause entfernt, als Vater Llewelyn fragte, ob er seine Kaninchen gefüttert habe. Llewelyn verneinte, und so fuhren wir wieder nach Hause, damit er sie füttern konnte. Die Blicke, die Llewelyn von seinen Geschwistern auffing, waren Strafe genug.
Als Vater über die Europäische Mission präsidierte, führte er einige Neuerungen ein, die die Missionsarbeit in diesem Gebiet änderten.
Eine Neuerung war die Weise, wie er den Antagonisten begegnete, die Unwahrheiten über die Mormonen verbreiteten. Viele Zeitungen brachten die unmöglichsten Geschichten im Umlauf. Viele Leute glaubten die Geschichten tatsächlich, und die Zeitungen weigerten sich, Richtigstellungen der Missionare abzudrucken.
Anstatt an die Redakteure zu schreiben, schrieb Vater an die Besitzer und Herausgeber. Er appellierte an den Sinn der Briten für Fairneß und Gerechtigkeit. Die falschen Geschichten hörten auf, zumindest in großem Maße.
Eine andere Neuerung war das Motto: Jedes Mitglied ein Missionar. Er übertrug die Aufgabe nicht nur den Vollzeitmissionaren, sondern auch den Mitgliedern, und dadurch kam neue Begeisterung in die Mission.
Die dritte Neuerung war die Bitte an die Mitglieder, dort zu bleiben, wo sie waren. Viele hatten eigentlich nach Amerika auswandern wollen. Er forderte sie auf, in ihrem Heimatland zu bleiben und die Kirche dort stark zu machen. Ein Mann, der später Pfahlpräsident geworden ist, hat mir erzählt, daß Vater ihm verheißen habe, es werde ihm gutgehen, wenn er dort bliebe, wo er war. Er ist immer dankbar dafür gewesen, daß er in England geblieben ist.
Die vierte Neuerung war ein neues Bauprogramm. Als mein Vater nach England kam, besaß die Kirche nicht ein einziges Gebäude auf der ganzen Insel. Vater erfand ein Programm, das den Bau von Gemeindehäusern ermöglichte. Jetzt gibt es überall in Großbritannien und Europa Gemeindehäuser.
Vater hatte viele wichtige geistige Kundgebungen. Eine Kundgebung folgte auf einen unglücklichen Unfall, der sich eines nebligen Frühlingstages in Ogden zugetragen hatte. Der Ogden River war über die Ufer getreten und hatte eine alte Stahlbrücke am Eingang zum Ogden Canon unterhöhlt. Mein Onkel Thomas E. McKay war von Huntsville heruntergekommen und hatte seinen Wagen am Ende der Brücke stehen lassen. Dann ging er zu Fuß über die Brücke und nach Odgen. Er blieb über Nacht bei uns, und Vater bot ihm am nächsten Morgen an, ihn in unserem Ford T zur Brücke zurückzufahren.
Als sie die Straße entlangfuhren, hatte Vater das Gefühl, er solle anhalten. Das tat er aber nicht. Plötzlich verfing sich ein Seil, das über die Straße gespannt war, im Kühler, schlug gegen die Windschutzscheibe und Vater auf den Mund. Er brach sich den Kiefer und verlor fast alle Zähne.
Onkel Thomas fuhr ihn nach Hause zurück. Ich kann mich noch erinnern, wie schrecklich es aussah, als Vater sich über den Spülstein beugte und Zähne, Blut und Knochensplitter ausspuckte. Schließlich ließ er es zu, daß Onkel Thomas ihn ins Krankenhaus brachte. Dort gab Bischof Edward A. Olsen ihm einen Segen und verhieß ihm, daß er keine Schmerzen haben würde. Auch Präsident Heber J. Grant kam, sobald er von dem Unfall gehört hatte, und gab Vater ebenfalls einen Segen. Er verhieß ihm, daß nicht einmal eine Narbe zurückbleiben würde. Und dabei hatte Präsident Grant, als er Vater nach dem Unfall gesehen hatte, gedacht: „Jetzt kann er sich wohl einen Bart wachsen lassen.”
Vater hatte während der Genesung keine Schmerzen, und als er schließlich wieder zu einer Versammlung des Rates der Zwölf gehen konnte, sagte Präsident Grant: „David, von hier sehe ich keine Narbe.”
Vater sagte: „Ich habe auch keine Narbe, Präsident Grant.”
Es folgen zwei wahllos herausgegriffene Eintragungen aus Vaters Tagebuch:
„Sonntag, 2. Januar 1955. Unser 54. Hochzeitstag! 54 Jahre in Eintracht und Glück!
Dienstag, 2. September 1958. Mama Ray hielt es für das beste, gar nicht erst zu versuchen, mit zum Flughafen zu kommen, deshalb haben wir uns zu Hause verabschiedet. Dies ist die erste offizielle Reise seit April 1951, bei der mein Schatz mich nicht begleiten kann... Das Flugzeug hob pünktlich um 8.40 Uhr ab. Mein Schatz hat mich sonst immer fest am Arm gepackt, wenn das Flugzeug abhob, weil sie dann unter großer Spannung stand. Das hat mir gefehlt.”
Mutter begleitete Vater überallhin, und die beiden liebten sich sehr. Als Vater im Oktober 1934 Ratgeber Präsident Grants wurde, schickten wir ihm eine Glückwunschnotiz. Er schrieb zurück, daß seine Kinder wissen sollten, daß jede Ehre, die ihm zuteil würde, auch gleichermaßen von Mutter verdient worden sei. Vater schrieb weiter:
„Es ist oft richtig gesagt worden: ,Eine Frau macht oft die Karriere ihres Mannes, Bruders oder Sohns.' Der Mann hat den Erfolg und heimst die öffentlichen Ehrungen ein, wenn in Wirklichkeit alles nur von einer kleinen, stillen Frau ermöglicht worden ist, die ihn mit Feingefühl und Ansporn dazu gebracht hat, sein Bestes zu geben, die an ihn geglaubt hat, wenn sein eigener Glaube wankend geworden ist, die ihn mit der Versicherung aufgemuntert hat: ,Du kannst, du mußt, du wirst.'
Ich brauche Euch Kindern gar nicht zu sagen, wie wunderbar das alles auf Eure Mutter zutrifft...”
Emma Ray McKay war für ihren Mann und ihre Kinder alles, was eine Frau und Mutter sein soll. Sie starb im November 1970, zehn Monate nach Vaters Tod.
Ich möchte diese Erinnerungen beschließen, indem ich von einer großen Segnung erzähle, die im Zusammenhang mit der Weihung des Tempels in Oakland im Jahre 1964 steht. Vater war bereits seit dreizehn Jahren Präsident der Kirche und gesundheitlich sehr angegriffen. Er hatte den Bau und die Finanzierung des Tempels geplant und Präsident O. Leslie Stone vom Pfahl Oakland Berkeley zum Vorsitzenden des Finanzkomitees berufen. Während der Bauarbeiten stand das Komitee immer mit ihm in Verbindung. Er freute sich sehr auf die Fertigstellung und die Weihung des Tempels.
Und dann passierte es! Vater erlitt einen Schlaganfall. Wir brachten ihn ins Krankenhaus nach Salt Lake City, und er durfte schließlich das Krankenhaus verlassen und in sein Appartement im Hotel Utah, das der Kirche gehört, gehen. Das Hotel liegt ganz in der Nähe des Verwaltungsgebäudes der Kirche.
Aber wie hatte sich alles geändert! Vater war schwach und konnte kaum stehen. Er konnte nicht mehr flüssig sprechen. Als wir mit ihm und Mutter in seinem Zimmer zu Abend aßen, waren der Witz und die Lebendigkeit der alten Unterhaltungen verflogen. Wir hätten am liebsten gar nichts gesagt, denn meistens verstanden wir ihn beim ersten Mal gar nicht und mußten ihn bitten, es noch einmal zu wiederholen. Das machte ihn verlegen, und deshalb beschränkte sich unsere Unterhaltung dann auf kurze Sätze seinerseits.
Abgesehen von der Familie und den Generalautoritäten wußten nur wenige Leute, wie ernst und folgenschwer der Schlaganfall gewesen war. Vaters Verstand war nicht in Mitleidenschaft gezogen worden, aber er konnte nur noch mühsam sprechen. Er leitete die erste Sitzung der Ersten Präsidentschaft in seinem Appartement. Ich las während der Priestertumsversammlung der Generalkonferenz seine Ansprache vor, und mein Bruder Robert verlas die Eröffnungs- und die Schlußansprache. Wir machten uns schon beide Gedanken darum, daß einer von uns das Weihungsgebet für den Tempel in Oakland verlesen müßte. Die Weihung war nämlich auf den 17. November 1964 festgelegt worden. „Hat er dich gefragt, Bob?”
„Nein, hat er dich gefragt?”
„Nein.”
Eines Tages fragte Hugh B. Brown, Vaters erster Ratgeber: „Lawrence, hat
dein Vater etwas darüber gesagt, wer damals Präsident der Europäischen Mission.
den Tempel in Oakland weihen wird?”
„Nein, Präsident Brown.”
Der November kam heran, und immer noch war niemand bestimmt worden. Es war offensichtlich, daß Vater die Weihung besuchen würde. Die Ärzte gestatteten ihm das unter der Bedingung, daß mein Bruder, Dr. Edward McKay, mitginge. Wir trafen uns am Flughafen in Oakland mit Präsident Stone. Er fuhr uns ins Motel. Vater legte sich schlafen, und wir drei Söhne bewachten abwechselnd seinen Schlaf. Am nächsten Morgen kam Präsident Brown an die Tür und fragte: „Präsident McKay, haben Sie etwas für mich?"
„Nein, Präsident Brown.”
Wir fuhren mit Präsident Stone zum Tempel. Vater wurde im Rollstuhl in den Versammlungsraum gefahren. Er bat Präsident Stone am Morgen, die Versammlung zu leiten, und wir hörten interessiert zu, während die Versammlung fortschritt.
Dann überraschte uns Präsident Stone mit der Ankündigung: „Wir freuen uns sehr, jetzt von Präsident McKay zu hören.”
Meine Frau Mildred und ich sahen einander ungläubig an. Man half Vater ans Rednerpult, und er hielt sich daran fest. Dann begann er zu sprechen. Er sprach so klar und deutlich wie vor zehn Jahren. Mildred strömten die Tränen die Wangen hinab. Sie drehte sich zu mir um und flüsterte: „Lawrence, wir erleben gerade ein Wunder.” Ich nickte zustimmend. Die Mitglieder des Rates der Zwölf weinten. Vater beendete seine Rede und weihte, immer noch stehend, den Bau.
Als der Gottesdienst vorbei war, fragte ich Dr. K. Lois Schricker: „Kann er das heute nachmittag noch einmal machen?”
Dr. Schricker antwortete: „Lawrence, das liegt nicht in unserer Macht. Wenn ich es nicht selbst gesehen hätte, hätte ich es niemals geglaubt.”
Vater wiederholte die Weihung am gleichen Nachmittag sowie am nächsten Morgen und am nächsten Nachmittag. Das Ganze war eine Demonstration, was alles geschehen kann, wenn der Herr die Bitten eines Mannes erhört, der seine Pflicht spürt, alles vorbereitet, um seine Pflicht zu tun, und sich dann darauf verläßt, daß der Erretter ihm hilft, das auch zu tun.
Ich bezeuge, daß er ein Prophet des Herrn war.
David L. McKay (April 1985)
Wer kann Präsident David O. McKay und seine Frau Emma Ray schon vergessen? Es gibt viel, an das man sich erinnern kann, denn Präsident McKay hat über sechsunddreißig Jahre – länger als jede andere Generalautorität in dieser Evangeliumszeit – in der Ersten Präsidentschaft und im Kollegium der Zwölf gearbeitet. Und während all der Jahre war seine Frau an seiner Seite, nahm an allem teil, was er tat.
Für mich und meine Geschwister waren sie natürlich mehr als nur Präsident McKay und seine Frau, sie waren Vater und Mutter. Ein bekannter Ausspruch meines Vaters lautet: „Ein Versagen in der Familie läßt sich durch keinen anderen Erfolg wettmachen.” Beide bauten eine glückliche Familie auf, und zwar durch Liebe und ein evangeliumsgemäßes Leben. Einen größeren Segen hätten wir nicht erhalten können.
David O. McKay wurde am B. September 1873 in Huntsville in Utah geboren. Sein Lerneifer wurde früh deutlich, als er die Post per Pferd nach La Plata, einer Bergbaustadt nördlich von Huntsville, brachte. Während des Reitens lernte er Literaturauszüge auswendig, und viel davon machte die Reden, die er später hielt, lebendig.
Er hatte Shakespeare besonders gerne und zitierte ihn oft in der Alltagssprache. Ich kann mich an einen Vorfall in Stockholm in Schweden erinnern. Ein Reporter bat meinen Vater um ein Interview. Vater antwortete ihm mit einem Zitat aus Othello: „Sprecht von mir, wie ich bin – beschönigt nichts, und schreibt auch nichts mit Groll.” (Fünfter Aufzug, zweite Szene.) Auch der schottische Dichter Robert Burns gefiel ihm sehr. Als wir in Schottland waren, besichtigen wir voller Freude die Kate Burns. Der Wächter war ganz begeistert, als er Vater den Dichter zitieren hörte.
Als David O. McKay ein Junge war, ging er in Huntsville zur Schule, anschließend auf die Weber State Academy in Ogden in Utah. Er unterrichtete dann in der Schule in Huntsville, von wo er dann nach Salt Lake City an die Universität von Utah ging. Dort begegnetete er auch Emma Ray Riggs, die schöne Tochter seiner Vermieterin.
Ray, wie sie gerufen wurde, war am 23. Juni 1877 in Salt Lake City geboren worden. Ihr Vater sagte, sie sei nach dem Sonnenstrahl genannt worden (ray heißt auf deutsch Strahl), und dieser Name erwies sich als sehr passend. Sie war ein scheues, aber hübsches Mädchen mit festen Vorstellungen und voller Ideen. Ein Professor an der Universität von Utah sagte ihr, sie sei zu scheu, um jemals Erfolg in der Gesellschaft zu haben. Kurz danach besuchten beide die gleiche Abendparty. Die Party fing langweilig an, also ging Ray ans Klavier, spielte ein paar bekannte Lieder und brachte die jungen Leute dazu, mitzusingen und ein paar Spiele zu machen. Der Abend war ein großer Erfolg. Der Professor sprach sie später an und entschuldigte sich für seine Ansicht. Mrs. Riggs vermietete einige Häuschen hinter ihrem Haus. Eines Tages sahen Ray und ihre Mutter vom Fenster aus zu, wie zwei neue Mieter mit ihrer Mutter ankamen. Es handelte sich um zwei neue Studenten der Universität von Utah, nämlich David 0. McKay und seinen Bruder Thomas E. McKay. Mrs. Riggs sagte: „Das sind zwei Jungen, die eine Frau glücklich machen werden. Schau nur, wie besorgt sie um ihre Mutter sind.”
Ray entgegnete: „Der Dunkle gefällt mir.” (Das war David O. McKay.) Sie gingen zum erstenmal miteinander aus, als die Abschiedsparty für meinen Vater stattfand, der auf Mission ging. Er schrieb in sein Tagebuch: „Habe Miss Riggs nach Huntsville eingeladen. . . Gingen nach Ogden zu Mrs. White und Mrs. Riggs... Um sechs Uhr machten wir uns auf den Nachhauseweg . . . Abends sollte die Abschiedsparty stattfinden. Viele Freunde waren da, und wir hatten viel Spaß.”
Später nannte er sie „Ray”. „Sonntag, 1. August. Bin zur Sonntagsschule und zur Abendmahlsversammlung gegangen. Abends bin ich nach South Hills gefahren. Die Berge waren im Licht der untergehenden Sonne ganz rot, wunderbar. Abends ein Spaziergang mit Ray. Haben einander Geheimnisse erzählt. Den Abend werde ich nie vergessen!”
Mutter hat später erzählt: „Wir haben die ganze Zeit Händchen gehalten.”
Als Ray erfuhr, daß David O. McKay von seiner Mission, die ihn nach Schottland geführt hatte, zurückkommen würde, befand sie sich gerade auf Antilope-Island im Salzsee. Zu der Zeit war das wirklich noch eine Insel. Sie besuchte ihre Verwandten, die Whites, die dort eine Viehfarm hatten. Das Passagierboot konnte sie nicht mehr rechtzeitig an Land zurückbringen, damit sie David O. McKay sehen konnte. Deshalb rüsteten sie und ihre Kusine Belle ein altes Ruderboot mit einem Segel aus und segelten über den See, damit Ray rechtzeitig genug in Salt Lake City sein konnte, wenn mein Vater ankam.
Nach seiner Mission unterrichtete mein Vater an der Weber State Academy, wo er 1902 Rektor wurde. Ray hatte inzwischen ihr Studium an der Universität von Utah abgeschlossen und zwei Stellen als Lehrerin angeboten bekommen: eine in Salt Lake City und eine an der Madison School in Ogden. Diese Schule lag der Weber Academy genau gegenüber, nur der Lester Park war dazwischen. Ihr Zuhause, ihre Familie und ihre Freunde waren in Salt Lake City, und also hätte sie allen Grund gehabt, dort zu bleiben. Sie entschied sich aber für Ogden.
Ray und David O. trafen sich oft im Park. Dort fragte er sie, ob sie ihn heiraten wolle. Sie antwortete: „Bist du auch sicher, daß ich die Richtige bin?”
„Ich bin sicher”, entgegnete er.
Sie heirateten am 2. Januar 1901, das erste Paar, das in diesem Jahrhundert im Tempel in Salt Lake City gesiegelt wurde.
Sie mieteten ein Haus in Ogden, und dort kam auch ihr erstes Kind zur Welt. Als das Baby zwei Wochen alt war und keine Kinderschwester mehr brauchte, gab David O. McKay seiner Frau einen Abschiedskuß und machte sich auf den Weg zu einer Versammlung des Sonntagsschul-Ausschusses. Ray konnte es nicht glauben, daß der Mann, den sie so sehr liebte, sie mit dem Baby und schmutzigem Geschirr allein lassen würde! Sie fing an zu weinen. Dann dachte sie daran, wie ihre Mutter gesagt hatte: „Weine nicht, bevor du verletzt worden bist” und „Weine nicht über verschüttete Milch.”
Als Ray ein kleines Mädchen war, fragte sie immer zurück: „Wenn ich nicht weinen darf, bevor ich verletzt worden bin, und wenn ich nicht weinen darf, nachdem ich verletzt worden bin, wann soll ich denn dann überhaupt weinen?”
„Weine gar nicht”, lautete die Antwort.
Ray dachte daran und sagte sich, sie solle nicht so albern sein. Sie beschloß in jenem Augenblick, daß sie nie böse sein würde, wenn ihr Mann im Rahmen seiner Kirchenberufung unterwegs wäre. Es war gut, daß sie diese Entscheidung getroffen hatte, denn ein ganzes Leben mit Berufungen ihres Mannes in der Kirche lag vor ihr.
Vater hatte an der Weber State Academy viel zu tun. Das einzige Gebäude platzte aus allen Nähten. Ich kann mich daran erinnern, wie ich einmal mit dem Papierkorb in Vaters Büro spielte, das eigentlich nur ein schmaler Durchgang zwischen den beiden Eingangstüren des Gebäudes war. Die Treuhänder hatten bereits ihre Häuser belastet und konnten sich einfach keinen Anbau leisten. So brachte Rektor McKay seine Fakultät zum Mithelfen und ging selber Geld sammeln. Ich kann mich erinnern, wie erfreut er eines Tages nach Hause kam, weil Samuel Newhouse, der nicht der Kirche angehörte, ihm 5000 Dollar gegeben hatte. Das war zur damaligen Zeit eine Riesensumme. Der Anbau konnte errichtet werden. Nun gab es Platz für Unterrichtsräume, einen Handwerksraum und ein Chemielabor.
Schon früh sagte sich Rektor McKay, daß die Schule eine Musikband brauchte, deshalb stellte er eine zusammen und dirigierte sie auch selbst. Eines Tages ging Ernest Nichols, ein Musiker, an der Schule vorbei, als die Band übte. Die schiefen Töne, die aus dem Fenster drangen, waren zuviel für ihn, deshalb ging er hinein und sagte dem Rektor, daß er einen Bandleader brauche. Bruder Nichols wurde sofort eingestellt. Er leitete das Orchester an der Akademie, in dem ich von 1915 bis 1919 mitspielte.
Vater wurde zum Assistenten von Thomas B. Evans in die Sonntagsschulleitung des Weber-Pfahles berufen. Er war für den Unterricht zuständig, und so entwarf er Unterrichtspläne, Vorbereitungsversammlungen und führte die einheitlichen Lektionen ein. Mit dem Pferdewagen besuchte er mit Mutter, die mich auf dem Arm hatte, die Sonntagsschulen in den verschiedenen Gemeinden.
Am 9. April 1906 war Generalkonferenz, und wir waren deshalb in Satt Lake City. Wir aßen bei einer befreundeten Familie. Da klingelte das Telefon. Mein Vater wurde gebeten, sofort in das Büro des Rates der Zwölf zu kommen. Vater ging hin, er dachte, er solle in den Bildungsausschuß der Kirche berufen werden. Unterwegs begegnete er Elder George Albert Smith, der ihn in das Büro des Präsidenten des Kollegiums, Präsident Francis M. Lyman, brachte.
„Sie sind also David O. McKay”, sagte Präsident Lyman. „Nun, David O. McKay, der Herr möchte, daß Sie ein Mitglied des Kollegiums der Zwölf Apostel werden.” Vater konnte nichts mehr sagen. „Haben Sie denn gar nichts dazu zu sagen?” fragte Präsident Lyman.
Vater sagte: „Ich bin weder würdig noch fähig, solch eine Berufung anzunehmen.”
„Nicht würdig, nicht würdig? Was haben Sie denn getan?”
Vater erklärte, er habe nichts Unanständiges getan, wie Präsident Lyman das vielleicht verstanden hatte. Aber er hatte das Gefühl, er sei für so eine hohe Berufung nicht gut genug und sei auch nicht in der Lage, sie zu erfüllen.
„Nun denn, glauben Sie denn nicht daran, daß der Herr Ihnen die notwendigen Fähigkeiten geben kann?”
„Doch, daran glaube ich.”
„Na also, sagen Sie aber nichts davon, bis Ihr Name heute nachmittag auf der Konferenz genannt wird.”
Also bewahrte Vater Stillschweigen. Mutter hatte keine Ahnung von der Berufung, bis sie nachmittags in der Generalkonferenz saß und die Namen der Mitglieder der Zwölf verlesen wurden, damit sie bestätigt werden konnten. Ray hörte:
. George F. Richards, Orson F. Whitney, David O. McKay." Sie brach in Tränen aus. Vater hörte jemand hinter ihnen sagen: „Da sitzt einer. Schau, seine Frau weint.”
Vater blieb solange Rektor der Weber Academy, bis der Anbau fertig war. Er war sehr beschäftigt, mußte er doch seine Arbeit an der Schule machen und Versammlungen in Salt Lake City besuchen. Er rannte oft die Straße hinunter, um den Zug noch zu erwischen, der zwischen Ogden und Salt Lake City verkehrte. Einmal eilte eine unbekannte Frau mit ihrem Wagen zu seiner Rettung herbei. Ein anderes Mal sprach er einen Jungen auf einem Pferd an und ritt zum Bahnhof. Ein Schüler sah das, und im Jahrbuch der Schule gab es dann eine Karikatur von Rektor David 0. McKay, wie er mit einem Jungen, dem ein breites Grinsen über das ganze Gesicht ging, hinter sich auf dem Pferd sitzt.
Als Vater seine Stellung aufgegeben hatte, war er trotzdem oft weg, denn die Kollegiumsarbeit erforderte viel Zeit. Es dauerte damals länger, nach St. George zu reisen als heute nach Südafrika. Als Vater wieder einmal lange weggewesen war, machte er Mutter ein Kompliment über das Abendessen. Sie bedankte sich, und meine vierjährige Schwester Lou Jean sagte: „Komm doch mal wieder vorbei.”
So trug Mutter die Hauptlast bei der Erziehung der Kinder. Sie lehrte uns, wie man betete, bevor man ins Bett geht, und daß wir uns auf den Vater im Himmel verlassen konnten. Sie sagte uns, daß wir sonntags nicht Baseball spielen durften. Sie war ein großartiger Kumpel. Bei uns gab es keine Generationsprobleme. Sie ging mit uns ins Kino, sie hatte genausoviel Spaß an grotesken Schauspielern wie wir. Sie konnte schließlich auch Vater überzeugen, daß Filme lustig waren.
Sie las uns gute Literatur vor, erzählte uns Geschichten und sang uns abends etwas vor. Sie hatte Gesellschaftsspiele gerne, und abends saßen wir oft alle zusammen um den Tisch und machten Spiele.
Mutter ließ es nie zu, daß wir uns stritten oder daß wir laut wurden. Sie war uns darin ein Beispiel, sie rief uns auch nie vom Haus aus, wenn wir hereinkommen sollten.
Mutter ließ uns aber nicht nur nicht streiten, sondern sie trug Unstimmigkeiten mit Vater niemals vor unseren Augen aus. Ich kann mich daran erinnern, wie sie einmal wohl unterschiedlicher Meinung gewesen sein müssen. Ich hatte einmal eine Anzeige für einen Sondersubskriptionspreis für zwei Zeitschriften gesehen, die ich sehr gerne haben wollte. Ich fragte Mutter, ob sie damit einverstanden sei. Ich dachte, sie sei einverstanden, aber sie sagte: „Frag Vater.” Das tat ich, und Vater sagte nein. Mutter sah mich an, sagte aber nichts. Ich weiß nicht, was die beiden besprochen haben, aber ein paar Tage später sagte Vater zu mir: „Lawrence, du hast wegen diesen zwei Zeitschriften gefragt. Das geht in Ordnung.”
Wie fast alle Mütter brachte auch Mutter Opfer. Als wir 1952 mit Vater und meiner Frau Mildred nach England reisten, zeigte sich das in ihrer ersten Ansprache in Glasgow. Sie sagte: „Mildred vertritt den Hauptausschuß der PV, Lawrence vertritt die Sonntagsschule, und ich bin hier, um für meinen Mann zu sorgen.” Sie war völlig aufrichtig, und den Anwesenden gefiel das sehr. Und sie sorgte immer für meinen Vater. Zu Hause gab es immer eine bestimmte Zeit für die Mahlzeiten. Vater kam oft zu spät von seinen Versammlungen in Salt Lake City zum Abendessen. Mutter sagte uns dann: „Eßt schon mal. Ich warte noch auf Papa. Er ißt nicht gern allein.”
Sie brachte auch Opfer auf dem Gebiet der Musik. Mutter musizierte gern. Ihre Mutter war Klavierlehrerin gewesen und hatte ihr das Grundsätzliche beigebracht. Außerdem war sie sechs Monate am Musikkonservatorium in Cincinnati in Ohio gewesen. Sie konnte eine Melodie von einer Tonart in die andere übertragen, und sie begleitete andere hervorragend auf dem Klavier. Ich spielte Violine, und mein jüngerer Bruder Llewelyn spielte Klarinette. Wir drei spielten an vielen Abenden zusammen als Trio und hatten viel Spaß dabei. Dann lernte Lou Jean, unsere jüngere Schwester, Klavier spielen und nahm Mutters Platz ein. Wir kamen gar nicht auf den Gedanken, Mutter zum Spielen aufzufordern, und wir dachten überhaupt nicht daran, wieviel Freude sie opferte, damit Lou Jean mitspielen konnte. Sie freute sich daran, daß ihre Kinder Spaß hatten und lernten.
Ich kann mich erinnern, daß ich ein Mal erwähnte, wie gerne ich Deutsch könnte. „Dann laß uns jetzt anfangen”, sagte sie. Ich saß in der Küche und mühte mich mit einem Lehrbuch der deutschen Sprache ab, und sie half mir bei der Aussprache und der Übersetzung, während sie das Abendessen machte.
Und die Grammatik! Jeder Satz, den wir sagten, mußte stimmen. Als Mutter in den Achtzigern war, besuchte ich sie und Vater eines Tages. Mutter war im Stuhl eingenickt, und ich unterhielt mich mit Vater, der in der Nähe im Lehnstuhl saß. Plötzlich richtete Mutter sich auf und sagte: „Lawrence, das war grammatikalisch nicht richtig.” Vater lachte und sagte: „Es gibt nichts, was deine Mutter so gut aufweckt wie falsche Grammatik.”
Mutter erzog uns mit Lob und Lächeln zu Disziplin. Sie schlug uns nie und schimpfte auch nicht mit uns, sah aber immer zu, daß wir gehorchten, wenn sie etwas sagte. Sie hat einmal gesagt: „Von allen Methoden zur Erziehung von Kindern ist es am schlimmsten, wenn man ihnen droht. . . Eine Mutter sollte nur selten etwas versprechen, aber wenn sie es tut, dann muß sie ihr Versprechen auch halten.”
Vater hatte in bezug auf Disziplin die gleiche Auffassung wie Mutter. Einmal war ich dabei, eine Mähre zu dressieren, die wir gerade gekauft hatten. Er sagte zu mir: „Verlang von einem Tier oder einem Kind niemals etwas, was es nicht tun kann, und verlang niemals etwas, was du es nicht tun siehst.” Er schlug nie, aber wir gehorchten immer. Er wiederholte eine Aufforderung oder eine Bitte niemals. Es reichte, wenn er es einmal sagte.
Eines Tages ritten wir in unserem Pferdewagen nach Huntsville. Llewelyn und ich spielten auf dem Rücksitz. Das war gefährlich, denn wir hätten leicht aus dem Wagen vor die Hinterräder fallen können. Vater sagte, wir sollten zu spielen aufhören. Wir hörten aber nicht auf. Als ich wieder zu mir kam, stand ich auf der Straße und sah, wie sich der Wagen bergauf entfernte. Ich ging hinterher. Ich fing an zu rennen. Glücklicherweise wartete Vater oben auf dem Berg mit dem Wagen auf mich. Llewelyn und ich waren den Rest des Weges ganz still.
Als ich acht Jahre alt war, machte Vater mit uns einen Ausflug in den Ozean-Park in Kalifornien. Ich war enttäuscht, als ich zum ersten Mal den Pazifik sah. Es war Ebbe, und der Ozean sah wie ein riesiger See aus. Wir übernachteten in einem Appartementhaus in der Nähe des Strandes. Ich stand früh auf und ging nach draußen, um mir den Ozean noch einmal anzusehen. Jetzt, wo ich selbst Kinder habe, kann ich mir vorstellen, wie aufgeregt Mutter gewesen sein muß, als sie merkte, daß ich nicht da war. Ich glaube, ich würde meinen Sohn ausschimpfen, wenn er weglaufen und die Autobahn überqueren würde, ohne mir zu sagen, wo er hinginge. Als ich am Strand stand und mir die hohen Wellen anschaute, die mit der Flut hereinkamen, me?kte ich auf einmal, daß Vater neben mir stand. Er sagte nur: „Es ist schön, nicht?”
So lehrte er, sanft und liebevoll. Eine meiner eindrucksvollsten Lektionen bekam ich, als wir einmal durch den Ogden Canon fuhren. Vater sagte: „Lawrence, ich treffe niemals eine Entscheidung, ohne mich vorher zu fragen: ,Wie werde ich das dem Erretter erklären, wenn ich ihm begegne?”'
Vater war sehr tierliebend. Llewelyn hatte ein paar Kaninchen. Einmal waren wir alle von Salt Lake City nach Huntsville unterwegs und etwa zwei Kilometer von zu Hause entfernt, als Vater Llewelyn fragte, ob er seine Kaninchen gefüttert habe. Llewelyn verneinte, und so fuhren wir wieder nach Hause, damit er sie füttern konnte. Die Blicke, die Llewelyn von seinen Geschwistern auffing, waren Strafe genug.
Als Vater über die Europäische Mission präsidierte, führte er einige Neuerungen ein, die die Missionsarbeit in diesem Gebiet änderten.
Eine Neuerung war die Weise, wie er den Antagonisten begegnete, die Unwahrheiten über die Mormonen verbreiteten. Viele Zeitungen brachten die unmöglichsten Geschichten im Umlauf. Viele Leute glaubten die Geschichten tatsächlich, und die Zeitungen weigerten sich, Richtigstellungen der Missionare abzudrucken.
Anstatt an die Redakteure zu schreiben, schrieb Vater an die Besitzer und Herausgeber. Er appellierte an den Sinn der Briten für Fairneß und Gerechtigkeit. Die falschen Geschichten hörten auf, zumindest in großem Maße.
Eine andere Neuerung war das Motto: Jedes Mitglied ein Missionar. Er übertrug die Aufgabe nicht nur den Vollzeitmissionaren, sondern auch den Mitgliedern, und dadurch kam neue Begeisterung in die Mission.
Die dritte Neuerung war die Bitte an die Mitglieder, dort zu bleiben, wo sie waren. Viele hatten eigentlich nach Amerika auswandern wollen. Er forderte sie auf, in ihrem Heimatland zu bleiben und die Kirche dort stark zu machen. Ein Mann, der später Pfahlpräsident geworden ist, hat mir erzählt, daß Vater ihm verheißen habe, es werde ihm gutgehen, wenn er dort bliebe, wo er war. Er ist immer dankbar dafür gewesen, daß er in England geblieben ist.
Die vierte Neuerung war ein neues Bauprogramm. Als mein Vater nach England kam, besaß die Kirche nicht ein einziges Gebäude auf der ganzen Insel. Vater erfand ein Programm, das den Bau von Gemeindehäusern ermöglichte. Jetzt gibt es überall in Großbritannien und Europa Gemeindehäuser.
Vater hatte viele wichtige geistige Kundgebungen. Eine Kundgebung folgte auf einen unglücklichen Unfall, der sich eines nebligen Frühlingstages in Ogden zugetragen hatte. Der Ogden River war über die Ufer getreten und hatte eine alte Stahlbrücke am Eingang zum Ogden Canon unterhöhlt. Mein Onkel Thomas E. McKay war von Huntsville heruntergekommen und hatte seinen Wagen am Ende der Brücke stehen lassen. Dann ging er zu Fuß über die Brücke und nach Odgen. Er blieb über Nacht bei uns, und Vater bot ihm am nächsten Morgen an, ihn in unserem Ford T zur Brücke zurückzufahren.
Als sie die Straße entlangfuhren, hatte Vater das Gefühl, er solle anhalten. Das tat er aber nicht. Plötzlich verfing sich ein Seil, das über die Straße gespannt war, im Kühler, schlug gegen die Windschutzscheibe und Vater auf den Mund. Er brach sich den Kiefer und verlor fast alle Zähne.
Onkel Thomas fuhr ihn nach Hause zurück. Ich kann mich noch erinnern, wie schrecklich es aussah, als Vater sich über den Spülstein beugte und Zähne, Blut und Knochensplitter ausspuckte. Schließlich ließ er es zu, daß Onkel Thomas ihn ins Krankenhaus brachte. Dort gab Bischof Edward A. Olsen ihm einen Segen und verhieß ihm, daß er keine Schmerzen haben würde. Auch Präsident Heber J. Grant kam, sobald er von dem Unfall gehört hatte, und gab Vater ebenfalls einen Segen. Er verhieß ihm, daß nicht einmal eine Narbe zurückbleiben würde. Und dabei hatte Präsident Grant, als er Vater nach dem Unfall gesehen hatte, gedacht: „Jetzt kann er sich wohl einen Bart wachsen lassen.”
Vater hatte während der Genesung keine Schmerzen, und als er schließlich wieder zu einer Versammlung des Rates der Zwölf gehen konnte, sagte Präsident Grant: „David, von hier sehe ich keine Narbe.”
Vater sagte: „Ich habe auch keine Narbe, Präsident Grant.”
Es folgen zwei wahllos herausgegriffene Eintragungen aus Vaters Tagebuch:
„Sonntag, 2. Januar 1955. Unser 54. Hochzeitstag! 54 Jahre in Eintracht und Glück!
Dienstag, 2. September 1958. Mama Ray hielt es für das beste, gar nicht erst zu versuchen, mit zum Flughafen zu kommen, deshalb haben wir uns zu Hause verabschiedet. Dies ist die erste offizielle Reise seit April 1951, bei der mein Schatz mich nicht begleiten kann... Das Flugzeug hob pünktlich um 8.40 Uhr ab. Mein Schatz hat mich sonst immer fest am Arm gepackt, wenn das Flugzeug abhob, weil sie dann unter großer Spannung stand. Das hat mir gefehlt.”
Mutter begleitete Vater überallhin, und die beiden liebten sich sehr. Als Vater im Oktober 1934 Ratgeber Präsident Grants wurde, schickten wir ihm eine Glückwunschnotiz. Er schrieb zurück, daß seine Kinder wissen sollten, daß jede Ehre, die ihm zuteil würde, auch gleichermaßen von Mutter verdient worden sei. Vater schrieb weiter:
„Es ist oft richtig gesagt worden: ,Eine Frau macht oft die Karriere ihres Mannes, Bruders oder Sohns.' Der Mann hat den Erfolg und heimst die öffentlichen Ehrungen ein, wenn in Wirklichkeit alles nur von einer kleinen, stillen Frau ermöglicht worden ist, die ihn mit Feingefühl und Ansporn dazu gebracht hat, sein Bestes zu geben, die an ihn geglaubt hat, wenn sein eigener Glaube wankend geworden ist, die ihn mit der Versicherung aufgemuntert hat: ,Du kannst, du mußt, du wirst.'
Ich brauche Euch Kindern gar nicht zu sagen, wie wunderbar das alles auf Eure Mutter zutrifft...”
Emma Ray McKay war für ihren Mann und ihre Kinder alles, was eine Frau und Mutter sein soll. Sie starb im November 1970, zehn Monate nach Vaters Tod.
Ich möchte diese Erinnerungen beschließen, indem ich von einer großen Segnung erzähle, die im Zusammenhang mit der Weihung des Tempels in Oakland im Jahre 1964 steht. Vater war bereits seit dreizehn Jahren Präsident der Kirche und gesundheitlich sehr angegriffen. Er hatte den Bau und die Finanzierung des Tempels geplant und Präsident O. Leslie Stone vom Pfahl Oakland Berkeley zum Vorsitzenden des Finanzkomitees berufen. Während der Bauarbeiten stand das Komitee immer mit ihm in Verbindung. Er freute sich sehr auf die Fertigstellung und die Weihung des Tempels.
Und dann passierte es! Vater erlitt einen Schlaganfall. Wir brachten ihn ins Krankenhaus nach Salt Lake City, und er durfte schließlich das Krankenhaus verlassen und in sein Appartement im Hotel Utah, das der Kirche gehört, gehen. Das Hotel liegt ganz in der Nähe des Verwaltungsgebäudes der Kirche.
Aber wie hatte sich alles geändert! Vater war schwach und konnte kaum stehen. Er konnte nicht mehr flüssig sprechen. Als wir mit ihm und Mutter in seinem Zimmer zu Abend aßen, waren der Witz und die Lebendigkeit der alten Unterhaltungen verflogen. Wir hätten am liebsten gar nichts gesagt, denn meistens verstanden wir ihn beim ersten Mal gar nicht und mußten ihn bitten, es noch einmal zu wiederholen. Das machte ihn verlegen, und deshalb beschränkte sich unsere Unterhaltung dann auf kurze Sätze seinerseits.
Abgesehen von der Familie und den Generalautoritäten wußten nur wenige Leute, wie ernst und folgenschwer der Schlaganfall gewesen war. Vaters Verstand war nicht in Mitleidenschaft gezogen worden, aber er konnte nur noch mühsam sprechen. Er leitete die erste Sitzung der Ersten Präsidentschaft in seinem Appartement. Ich las während der Priestertumsversammlung der Generalkonferenz seine Ansprache vor, und mein Bruder Robert verlas die Eröffnungs- und die Schlußansprache. Wir machten uns schon beide Gedanken darum, daß einer von uns das Weihungsgebet für den Tempel in Oakland verlesen müßte. Die Weihung war nämlich auf den 17. November 1964 festgelegt worden. „Hat er dich gefragt, Bob?”
„Nein, hat er dich gefragt?”
„Nein.”
Eines Tages fragte Hugh B. Brown, Vaters erster Ratgeber: „Lawrence, hat
dein Vater etwas darüber gesagt, wer damals Präsident der Europäischen Mission.
den Tempel in Oakland weihen wird?”
„Nein, Präsident Brown.”
Der November kam heran, und immer noch war niemand bestimmt worden. Es war offensichtlich, daß Vater die Weihung besuchen würde. Die Ärzte gestatteten ihm das unter der Bedingung, daß mein Bruder, Dr. Edward McKay, mitginge. Wir trafen uns am Flughafen in Oakland mit Präsident Stone. Er fuhr uns ins Motel. Vater legte sich schlafen, und wir drei Söhne bewachten abwechselnd seinen Schlaf. Am nächsten Morgen kam Präsident Brown an die Tür und fragte: „Präsident McKay, haben Sie etwas für mich?"
„Nein, Präsident Brown.”
Wir fuhren mit Präsident Stone zum Tempel. Vater wurde im Rollstuhl in den Versammlungsraum gefahren. Er bat Präsident Stone am Morgen, die Versammlung zu leiten, und wir hörten interessiert zu, während die Versammlung fortschritt.
Dann überraschte uns Präsident Stone mit der Ankündigung: „Wir freuen uns sehr, jetzt von Präsident McKay zu hören.”
Meine Frau Mildred und ich sahen einander ungläubig an. Man half Vater ans Rednerpult, und er hielt sich daran fest. Dann begann er zu sprechen. Er sprach so klar und deutlich wie vor zehn Jahren. Mildred strömten die Tränen die Wangen hinab. Sie drehte sich zu mir um und flüsterte: „Lawrence, wir erleben gerade ein Wunder.” Ich nickte zustimmend. Die Mitglieder des Rates der Zwölf weinten. Vater beendete seine Rede und weihte, immer noch stehend, den Bau.
Als der Gottesdienst vorbei war, fragte ich Dr. K. Lois Schricker: „Kann er das heute nachmittag noch einmal machen?”
Dr. Schricker antwortete: „Lawrence, das liegt nicht in unserer Macht. Wenn ich es nicht selbst gesehen hätte, hätte ich es niemals geglaubt.”
Vater wiederholte die Weihung am gleichen Nachmittag sowie am nächsten Morgen und am nächsten Nachmittag. Das Ganze war eine Demonstration, was alles geschehen kann, wenn der Herr die Bitten eines Mannes erhört, der seine Pflicht spürt, alles vorbereitet, um seine Pflicht zu tun, und sich dann darauf verläßt, daß der Erretter ihm hilft, das auch zu tun.
Ich bezeuge, daß er ein Prophet des Herrn war.