Lorenzo Snow - Die Entscheidungen eines Studenten
geschrieben von mormonen | 19 Jun, 2008Viele junge Männer kommen erst während ihrer Studien- und Lehrjahre ernsthaft mit der Religion in Berührung, wenn sie nämlich hinsichtlich einer Mission, dem Militärdienst und der Religion im allgemeinen bedeutsame Entscheidungen zu treffen haben. Lorenzo Snow, einer der wenigen führenden Männer in der Kirche, die seinerzeit die Möglichkeit einer höheren Schulbildung genossen, wurde ebenfalls damit konfrontiert, während er studierte, und er machte eine Krise durch.
Bruder Snow war es vergönnt, Oberlin, eines der interessantesten Colleges' seiner Zeit zu besuchen. Oberlin war ein College der Presbyterianer und hatte sich bald im ganzen Land seiner fortschrittlichen Konzeption wegen einen Namen gemacht. So war es beispielsweise eine der ersten amerikanischen Schulen, die gleichermaßen Mädchen wie junge Männer zuließ. Im Jahre 1830 fand sich eine Gruppe junger Männer zusammen, die sich mit den Problemen der Sklaverei auseinandersetzten und die sich einer derartigen Praktik entgegenstellen wollte. Verstimmt darüber, daß man ihnen an der Lane Theological School in Cincinnati nicht gerade viel Sympathie entgegenbrachte, wechselten sie gemeinsam 1836 nach Oberlin im Staate Ohio über und überzeugten Charles Finney, wohl den bekanntesten Geistlichen jener Zeit, nach Oberlin als Professor der Theologie zu kommen. Alles dies geschah etwa zur gleichen Zeit, als Lorenzo Snow Oberlin besuchte.
Lorenzo Snow ging, wie er selbst sagt, als junger Mann zum College „voll weltlicher Ambitionen und mit guten Aussichten und Mitteln, [seinen] Ehrgeiz, eine liberale Collegeausbildung zu erlangen, zu befriedigen". Da er aus einer wohlhabenden Familie stammte, hatte er viele wohlhabende und stolze Freunde und Verwandte, die eifrig darauf bedacht waren, daß er es im Leben zu hohen Ehren brächte. Man erwartete von Lorenzo — und so auch von allen anderen angesehenen jungen Männern seiner Zeit —, sich einen gewissen Grad an Pietät und an Interesse für religiöse Belange in seinem Leben anzueignen. Als er jedoch das Geschehen auf dem Campus und in der Umgebung beobachtete, schrieb er seiner Schwester, Eliza: „Wenn es an Religion nichts Besseres gibt als hier am Oberlin-College, dann: Religion lebe wohl.”
Eliza Snow, die ihrem Bruder immer sehr nahestand, hatte sich Sorgen gemacht, da ihn militärische Angelegenheiten interessierten. Lorenzo wurde 1814, am Ende des sogenannten „Zweiten Unabhängigkeitskrieges” Amerikas und während der Napoleonischen Epoche, geboren. Deshalb wurde er sehr vom Zauber des Soldatenlebens ergriffen. Eliza fürchtete immer, daß ihr Bruder auf einem Schlachtfeld fern der Heimat fallen würde. Sie jedoch hatte sich religiösen Dingen zugewandt. Sie und Lorenzo Snows Mutter hatten sich gerade der Kirche angeschlossen, und Eliza war nach Kirtland gezogen, während sich Lorenzo in Oberlin aufhielt. Da sie annahm, daß auch er Befriedigung im Mormonismus finden würde, wartete sie auf eine Gelegenheit, wo sie ihn nach Kirtland holen könnte, damit er Joseph Smith kennenlernen und von ihm beeinflußt werden könnte.
Diese Gelegenheit bot sich 1836, als Joseph Smith und andere Führer der Kirche die Schule der Propheten besuchten2. In den Anfangstagen amerikanischer Bildungsgeschichte gehörte es noch dazu, daß jeder angesehene Gelehrte Hebräisch und Griechisch lernte. Lorenzo Snow hatte gerade in Oberlin sein Studium der klassischen Sprachen abgeschlossen, hatte aber noch nicht in Hebräisch graduiert, und so lud Eliza, die wußte, daß ein Gelehrter des Hebräischen, Dr. Joshua Seixas, angestellt worden war, in der Schule der Propheten zu lehren, ihren jüngeren Bruder kurzerhand ein, nach Kirtland zu kommen, damit er dort Hebräisch studieren könne. Er willigte ein. Abschon Lorenzo Snow etwas neugierig war, was für einer Religion sich seine Schwester angeschlossen hatte, hat er sich doch wohl nie träumen lassen, welche Änderung sich schon bald in seinem Leben durch seine Reise nach Kirtland vollziehen würde.
Er wurde zutiefst von Joseph Smith sen., dem Patriarchen der Kirche und Vater des Propheten, beeindruckt. Da er noch immer mit seinem Stolz und seinen weltlichen Bestrebungen rang, fand Lorenzo sich in einem geistigen Kampf gefangen. Er hörte dem Propheten zu, wenn er zuweilen „voll des Heiligen Geistes wie mit der Stimme eines Erzengels und mit der Kraft Gottes” sprach, wobei sein ganzes Äußeres strahlte und sein Gesicht leuchtete, bis es wie die „Weiße des Schnees” aussah.
Lorenzo Snows Seele fühlte sich angesprochen, doch sein Verstand hielt ihn noch zurück. Was würden seine Freunde und Verwandten denken, die doch eine glänzende Zukunft für ihn voraussahen, wenn er „ihre Erwartungen enttäuschte und [sich] den armen, unwissenden und verachteten ,Mormonen' anschlösse”, wie man sie zu jener Zeit betrachtete.
Joseph Smiths Vater spürte die Probleme des jungen Mannes und riet ihm einmal: „Mach dir keine Sorgen, nimm es gelassen hin, und der Herr wird dir zeigen, daß dieses erhabene Werk der Letzten Tage wahr ist, und du wirst dich taufen lassen wollen.” Diese Worte überraschten anfangs den jungen Mann, doch als er weiter den Herrn suchte, wurde die Verheißung des Patriarchen erfüllt. Lorenzo Snow wurde getauft. Aber er fühlte sich im religiösen Bereich noch unvollendet. Mehr als alles in der Welt wünschte er sich, daß aller Zweifel verschwände; er wollte eine stärkere Bestätigung des Geistes als die, die er bereits empfangen hatte.
Zwei oder drei Wochen nach seiner Taufe empfing er die gewünschte Sicherheit, jedoch nicht auf die Weise, wie er es erwartet hatte. Als er noch nach einem Zeugnis trachtete, zog er sich jeden Abend in ein Wäldchen bei seiner Wohnung zurück und suchte den Herrn im Gebet. Eines Abends war ihm gar nicht zum Beten zumute. Die Himmel, so sagte er, schienen über seinem Kopf wie mit Blei versiegelt zu sein. Obwohl er gar nicht die nötige Stimmung zum Beten hatte, ging er aber doch an den gewohnten Platz.
Als er betete, spürte er, wie der Geist Gottes seinen Körper völlig einhüllte und ihn mit einer Freude erfüllte, die er nie zuvor verspürt hatte. Aller Zweifel schwand aus seinem Sinn, als er spürte, daß er auf eine Weise in den Einfluß des Heiligen Geistes getaucht wurde, die sich „noch unmittelbarer und körperlich fühlbarer” auf seinen Körper auswirkte als das Untertauchen in dem Wasser der Taufe.
Jetzt wußte er, was er über Gott und die Wiederherstellung zu wissen wünschte, und diese Erkenntnis war ihm viel mehr wert als aller Reichtum und alle Ehren, die ihm die Welt geben konnte. Er traf im Glauben seine Entscheidung, das Geschick der Heiligen zu teilen, und erlangte dadurch den gesuchten Seelenfrieden.
Jedoch wird kein Krieg in einer einzigen Schlacht gewonnen, und auch Lorenzo Snow mußte wie jeder andere weiter kämpfen, um spirituell zu wachsen. Den Kampf, den er als nächstes zu durchstehen hatte, kennen und verstehen viele, die schon einmal als Missionar tätig waren.
Sidney Rigdo i, ein Ratgeber des Propheten und selbst ein ehemaliger Geistlicher, erkannte, wie wichtig eine gute Ausbildung ist, und riet Lorenzo Snow, doch mit seinem Studium fortzufahren. Der ehemalige Oberlin-Student hatte jedoch andere Ziele im Sinn. Obwohl er selbst sagte, daß er äußerst schüchtern war und daß allein der Gedanke, predigen zu müssen, ihm Angst bereitete, so wurde er dennoch von dem Verlangen verzehrt, anderen das Evangelium mitzuteilen. Für ihn gab es nichts Wichtigeres.
Etwa zu dieser Zeit rief die Erste Präsidentschaft dazu auf, daß sich jeder, der dem Ältestenkollegium angehören wollte, eintragen sollte. Nachdem sie dann von der Ersten Präsidentschaft genehmigt worden seien, sollten sie ordiniert werden. Lorenzo reichte seinen Namen ein, was „das einzige Mal gewesen ist”, wie er sich später darüber äußerte, „daß ich mich erboten oder um ein Amt oder eine Berufung bemüht habe.
Im Frühjahr 1837 machte er sich allein und ohne Tasche und Beutel auf, Missionsarbeit in Ohio zu tun. In Hinblick auf seine Persönlichkeit sollte dies eine der härtesten Prüfungen seines Lebens werden.
„Für meine natürlichen Gefühle der Unabhängigkeit war es eine schwere Prüfung, ohne Beutel und Tasche zu gehen — besonders ohne den Beutel. Denn von der Zeit an, als ich alt genug war zu arbeiten, war das Gefühl, daß ich selbst für meinen Unterhalt aufkam, ein nötiges Attribut der Selbstachtung und nichts außer der eindeutigen Kenntnis, daß Gott es — wie auch von seinen Dienern in alter Zeit — von den Jüngern Jesu verlangte, konnte mich dazu veranlassen, mich der Notwendigkeiten des Lebens wegen in Abhängigkeit von meinen Mitmenschen zu begeben. Doch wurde ich auf meine Pflicht diesbezüglich aufmerksam gemacht, und ich entschloß mich, es zu tun."
Mit Entschlossenheit im Herzen und Vertrauen auf den Herrn machte sich Bruder Snow zu seiner ersten Mission auf. Er besuchte eine Tante und reiste dann etwa 50 km weit. Gerade als die Sonne untergehen wollte, stattete er seinen ersten Besuch als Mormonenmissionar ab. Ihm wurde das Quartier für die Nacht verweigert. Er mußte noch acht weitere Besuche machen, bevor er ein Quartier bekam und „ohne Abendbrot zu Bett ging und [sich] am Morgen ohne Frühstück auf den Weg machte”. Dies war seine erste Bekanntschaft mit der Missionsarbeit, er ließ sich jedoch nicht entmutigen, sondern beendete treu seine Mission in seinem Heimatstaat, bevor er mit den Heiligen nach Missouri zog.
Im Herbst 1838 trieb ihn der Geist seiner Missionarsberufung wieder so unnachgiebig, daß er sich danach sehnte, endlich wieder arbeiten zu können, nachdem er den größten Teil des Sommers krank daniedergelegen hatte. Seine Kraft war erschöpft, doch er dachte, daß er schon die nötige Kraft von Gott erhalten würde, wenn er sich nur anschickte, dem Herrn zu dienen. Deshalb machte er sich dann auch gegen den Ratschlag und Wunsch seiner Eltern auf, das Evangelium zu verkündigen. Zuerst konnte er nur ein kleines Stück gehen und mußte schon bald wieder eine Verschnaufpause einlegen, aber allmählich kehrten seine Kräfte zurück, und er wurde in vollem Maße wiederhergestellt.
Während dieser Missionsreise arbeitete er in vier Staaten. Im Februar hielt er sich in Kentucky auf und rüstete sich zu seiner Heimkehr nach Ohio — einer 800 km langen Reise durch tiefen Schnee. Er hatte nur $ 1,25 in seiner Hosentasche, aber einen um so größeren Glauben, daß der Herr für ihn sorgen würde.
Es war eine schwierige Heimreise. Während des größten Teils der Reise waren seine Socken klatschnaß vor Schnee, Schlamm und Regen, und er konnte von Glück sagen, wenn er ein Nachtquartier bei einem Feuer bekam. Die Reise magerte den jungen Missionar völlig ab, so daß ihn seine Freunde in Ohio nicht erkannten. Unter ihrer Obhut endlich, brach er vollends zusammen, ein heftiges Fieber befiel ihn, und er lag viele Tage völlig erschöpft danieder.
So war eine Mission, als Lorenzo Snow noch jung war — sowie der Anfang vieler anderer Missionen. Im folgenden Jahr ging er nach Großbritannien. 42 Tage lang fuhr er über die stürmische See. In einem Brief an seine Tante beschrieb er die Stürme:
„Vielleicht kannst Du Dir in Deiner Phantasie lebhaft vorstellen, wie es in einem dieser furchterregenden Stürme zugeht. Man sitzt gegen ein großes Faß gelehnt und hält sich mit beiden Händen an Stricken fest ..., während das Schiff von einer Seite auf die andere rollt, wobei ab und zu eine dieser Riesenwellen über die Schiffswand schlägt und alle Anwesenden mit einem Duschbad versieht. Ich sehe, wie einer, der nahe bei mir sitzt, bitterlich vor Angst weint. Im nächsten Augenblick schießt eine Welle über die Schiffswand, hebt ihn von seinem Sitz hoch und schleudert ihn ganz auf die andere Seite des Schiffes, wo er sich mit einem gebrochenem Arm und klatschnaß wiederfindet.”
Unter Deck hatten sich Kisten losgerissen, die zwischen den schreienden Frauen und Kindern hin und her geschleudert wurden. Trotz alledem war Bruder Snow voll Friedens, denn er war im Auftrag des Herrn unterwegs. Diese Szene war einer ganz ähnlich, die Lukas berichtet, in der sich der Apostel Paulus befunden hat. Tatsächlich gab es viel, was Lorenzo Snow mit Paulus hinsichtlich der Missionsarbeit gemein hatte. Der Mission, die Bruder Snow in Britannien verbrachte, folgten Missionen in Italien, in der Schweiz, auf Malta, Hawaii und im Heiligen Land. Bevor seine Missionen abgeschlossen waren, hatte er den Ozean achtmal überquert, hatte über 240 000 km zurückgelegt und hatte dabei die Kosten selbst getragen.
Aus vielen Gründen sollte man sich an Lorenzo Snow erinnern: wegen seines vorbildlichen Verhaltens, seiner tiefen spirituellen Hingabe dem Herrn gegenüber, seiner großen Fähigkeiten als Kolonisator, seiner Bedeutung als Erzieher, doch sollte man sich seiner neben all seinen Tugenden besonders deswegen erinnern, da er ein hervorragender Missionar war. Während seiner Amtszeit nahm er die Aufgabe in Angriff, das Missionarswerk weltweit zu fördern. Er schickte sogar GFV-Missionare in andere Pfähle, wo sie fünf oder sechs Monate lang tätig waren. Er gab Heber J. Grant den Auftrag, Japan für die Verkündigung des Evangeliums zu öffnen. Er hatte vor, das Evangelium nach Rußland und nach dem damaligen Österreich zu tragen. Und während seines ersten Amtsjahres berief er mehr als 1 000 Missionare, die auf der ganzen Welt arbeiten sollten — eine Zahl, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nie in der Geschichte der Kirche ausgesandt worden war und in den nächsten 20 Jahren auch nicht mehr ausgesandt werden sollte.
Man fragt sich, was geschehen wäre, wenn sich Lorenzo Snow als vielbeschäftigter junger Student dafür entschieden hätte, daß Religion nichts für ihn sei. Wieviel Tausende von Menschen hätten vielleicht nicht die Gelegenheit gehabt, das Evangelium anzunehmen!
Arthur R. Bassett, Dezember 1972
Bruder Snow war es vergönnt, Oberlin, eines der interessantesten Colleges' seiner Zeit zu besuchen. Oberlin war ein College der Presbyterianer und hatte sich bald im ganzen Land seiner fortschrittlichen Konzeption wegen einen Namen gemacht. So war es beispielsweise eine der ersten amerikanischen Schulen, die gleichermaßen Mädchen wie junge Männer zuließ. Im Jahre 1830 fand sich eine Gruppe junger Männer zusammen, die sich mit den Problemen der Sklaverei auseinandersetzten und die sich einer derartigen Praktik entgegenstellen wollte. Verstimmt darüber, daß man ihnen an der Lane Theological School in Cincinnati nicht gerade viel Sympathie entgegenbrachte, wechselten sie gemeinsam 1836 nach Oberlin im Staate Ohio über und überzeugten Charles Finney, wohl den bekanntesten Geistlichen jener Zeit, nach Oberlin als Professor der Theologie zu kommen. Alles dies geschah etwa zur gleichen Zeit, als Lorenzo Snow Oberlin besuchte.
Lorenzo Snow ging, wie er selbst sagt, als junger Mann zum College „voll weltlicher Ambitionen und mit guten Aussichten und Mitteln, [seinen] Ehrgeiz, eine liberale Collegeausbildung zu erlangen, zu befriedigen". Da er aus einer wohlhabenden Familie stammte, hatte er viele wohlhabende und stolze Freunde und Verwandte, die eifrig darauf bedacht waren, daß er es im Leben zu hohen Ehren brächte. Man erwartete von Lorenzo — und so auch von allen anderen angesehenen jungen Männern seiner Zeit —, sich einen gewissen Grad an Pietät und an Interesse für religiöse Belange in seinem Leben anzueignen. Als er jedoch das Geschehen auf dem Campus und in der Umgebung beobachtete, schrieb er seiner Schwester, Eliza: „Wenn es an Religion nichts Besseres gibt als hier am Oberlin-College, dann: Religion lebe wohl.”
Eliza Snow, die ihrem Bruder immer sehr nahestand, hatte sich Sorgen gemacht, da ihn militärische Angelegenheiten interessierten. Lorenzo wurde 1814, am Ende des sogenannten „Zweiten Unabhängigkeitskrieges” Amerikas und während der Napoleonischen Epoche, geboren. Deshalb wurde er sehr vom Zauber des Soldatenlebens ergriffen. Eliza fürchtete immer, daß ihr Bruder auf einem Schlachtfeld fern der Heimat fallen würde. Sie jedoch hatte sich religiösen Dingen zugewandt. Sie und Lorenzo Snows Mutter hatten sich gerade der Kirche angeschlossen, und Eliza war nach Kirtland gezogen, während sich Lorenzo in Oberlin aufhielt. Da sie annahm, daß auch er Befriedigung im Mormonismus finden würde, wartete sie auf eine Gelegenheit, wo sie ihn nach Kirtland holen könnte, damit er Joseph Smith kennenlernen und von ihm beeinflußt werden könnte.
Diese Gelegenheit bot sich 1836, als Joseph Smith und andere Führer der Kirche die Schule der Propheten besuchten2. In den Anfangstagen amerikanischer Bildungsgeschichte gehörte es noch dazu, daß jeder angesehene Gelehrte Hebräisch und Griechisch lernte. Lorenzo Snow hatte gerade in Oberlin sein Studium der klassischen Sprachen abgeschlossen, hatte aber noch nicht in Hebräisch graduiert, und so lud Eliza, die wußte, daß ein Gelehrter des Hebräischen, Dr. Joshua Seixas, angestellt worden war, in der Schule der Propheten zu lehren, ihren jüngeren Bruder kurzerhand ein, nach Kirtland zu kommen, damit er dort Hebräisch studieren könne. Er willigte ein. Abschon Lorenzo Snow etwas neugierig war, was für einer Religion sich seine Schwester angeschlossen hatte, hat er sich doch wohl nie träumen lassen, welche Änderung sich schon bald in seinem Leben durch seine Reise nach Kirtland vollziehen würde.
Er wurde zutiefst von Joseph Smith sen., dem Patriarchen der Kirche und Vater des Propheten, beeindruckt. Da er noch immer mit seinem Stolz und seinen weltlichen Bestrebungen rang, fand Lorenzo sich in einem geistigen Kampf gefangen. Er hörte dem Propheten zu, wenn er zuweilen „voll des Heiligen Geistes wie mit der Stimme eines Erzengels und mit der Kraft Gottes” sprach, wobei sein ganzes Äußeres strahlte und sein Gesicht leuchtete, bis es wie die „Weiße des Schnees” aussah.
Lorenzo Snows Seele fühlte sich angesprochen, doch sein Verstand hielt ihn noch zurück. Was würden seine Freunde und Verwandten denken, die doch eine glänzende Zukunft für ihn voraussahen, wenn er „ihre Erwartungen enttäuschte und [sich] den armen, unwissenden und verachteten ,Mormonen' anschlösse”, wie man sie zu jener Zeit betrachtete.
Joseph Smiths Vater spürte die Probleme des jungen Mannes und riet ihm einmal: „Mach dir keine Sorgen, nimm es gelassen hin, und der Herr wird dir zeigen, daß dieses erhabene Werk der Letzten Tage wahr ist, und du wirst dich taufen lassen wollen.” Diese Worte überraschten anfangs den jungen Mann, doch als er weiter den Herrn suchte, wurde die Verheißung des Patriarchen erfüllt. Lorenzo Snow wurde getauft. Aber er fühlte sich im religiösen Bereich noch unvollendet. Mehr als alles in der Welt wünschte er sich, daß aller Zweifel verschwände; er wollte eine stärkere Bestätigung des Geistes als die, die er bereits empfangen hatte.
Zwei oder drei Wochen nach seiner Taufe empfing er die gewünschte Sicherheit, jedoch nicht auf die Weise, wie er es erwartet hatte. Als er noch nach einem Zeugnis trachtete, zog er sich jeden Abend in ein Wäldchen bei seiner Wohnung zurück und suchte den Herrn im Gebet. Eines Abends war ihm gar nicht zum Beten zumute. Die Himmel, so sagte er, schienen über seinem Kopf wie mit Blei versiegelt zu sein. Obwohl er gar nicht die nötige Stimmung zum Beten hatte, ging er aber doch an den gewohnten Platz.
Als er betete, spürte er, wie der Geist Gottes seinen Körper völlig einhüllte und ihn mit einer Freude erfüllte, die er nie zuvor verspürt hatte. Aller Zweifel schwand aus seinem Sinn, als er spürte, daß er auf eine Weise in den Einfluß des Heiligen Geistes getaucht wurde, die sich „noch unmittelbarer und körperlich fühlbarer” auf seinen Körper auswirkte als das Untertauchen in dem Wasser der Taufe.
Jetzt wußte er, was er über Gott und die Wiederherstellung zu wissen wünschte, und diese Erkenntnis war ihm viel mehr wert als aller Reichtum und alle Ehren, die ihm die Welt geben konnte. Er traf im Glauben seine Entscheidung, das Geschick der Heiligen zu teilen, und erlangte dadurch den gesuchten Seelenfrieden.
Jedoch wird kein Krieg in einer einzigen Schlacht gewonnen, und auch Lorenzo Snow mußte wie jeder andere weiter kämpfen, um spirituell zu wachsen. Den Kampf, den er als nächstes zu durchstehen hatte, kennen und verstehen viele, die schon einmal als Missionar tätig waren.
Sidney Rigdo i, ein Ratgeber des Propheten und selbst ein ehemaliger Geistlicher, erkannte, wie wichtig eine gute Ausbildung ist, und riet Lorenzo Snow, doch mit seinem Studium fortzufahren. Der ehemalige Oberlin-Student hatte jedoch andere Ziele im Sinn. Obwohl er selbst sagte, daß er äußerst schüchtern war und daß allein der Gedanke, predigen zu müssen, ihm Angst bereitete, so wurde er dennoch von dem Verlangen verzehrt, anderen das Evangelium mitzuteilen. Für ihn gab es nichts Wichtigeres.
Etwa zu dieser Zeit rief die Erste Präsidentschaft dazu auf, daß sich jeder, der dem Ältestenkollegium angehören wollte, eintragen sollte. Nachdem sie dann von der Ersten Präsidentschaft genehmigt worden seien, sollten sie ordiniert werden. Lorenzo reichte seinen Namen ein, was „das einzige Mal gewesen ist”, wie er sich später darüber äußerte, „daß ich mich erboten oder um ein Amt oder eine Berufung bemüht habe.
Im Frühjahr 1837 machte er sich allein und ohne Tasche und Beutel auf, Missionsarbeit in Ohio zu tun. In Hinblick auf seine Persönlichkeit sollte dies eine der härtesten Prüfungen seines Lebens werden.
„Für meine natürlichen Gefühle der Unabhängigkeit war es eine schwere Prüfung, ohne Beutel und Tasche zu gehen — besonders ohne den Beutel. Denn von der Zeit an, als ich alt genug war zu arbeiten, war das Gefühl, daß ich selbst für meinen Unterhalt aufkam, ein nötiges Attribut der Selbstachtung und nichts außer der eindeutigen Kenntnis, daß Gott es — wie auch von seinen Dienern in alter Zeit — von den Jüngern Jesu verlangte, konnte mich dazu veranlassen, mich der Notwendigkeiten des Lebens wegen in Abhängigkeit von meinen Mitmenschen zu begeben. Doch wurde ich auf meine Pflicht diesbezüglich aufmerksam gemacht, und ich entschloß mich, es zu tun."
Mit Entschlossenheit im Herzen und Vertrauen auf den Herrn machte sich Bruder Snow zu seiner ersten Mission auf. Er besuchte eine Tante und reiste dann etwa 50 km weit. Gerade als die Sonne untergehen wollte, stattete er seinen ersten Besuch als Mormonenmissionar ab. Ihm wurde das Quartier für die Nacht verweigert. Er mußte noch acht weitere Besuche machen, bevor er ein Quartier bekam und „ohne Abendbrot zu Bett ging und [sich] am Morgen ohne Frühstück auf den Weg machte”. Dies war seine erste Bekanntschaft mit der Missionsarbeit, er ließ sich jedoch nicht entmutigen, sondern beendete treu seine Mission in seinem Heimatstaat, bevor er mit den Heiligen nach Missouri zog.
Im Herbst 1838 trieb ihn der Geist seiner Missionarsberufung wieder so unnachgiebig, daß er sich danach sehnte, endlich wieder arbeiten zu können, nachdem er den größten Teil des Sommers krank daniedergelegen hatte. Seine Kraft war erschöpft, doch er dachte, daß er schon die nötige Kraft von Gott erhalten würde, wenn er sich nur anschickte, dem Herrn zu dienen. Deshalb machte er sich dann auch gegen den Ratschlag und Wunsch seiner Eltern auf, das Evangelium zu verkündigen. Zuerst konnte er nur ein kleines Stück gehen und mußte schon bald wieder eine Verschnaufpause einlegen, aber allmählich kehrten seine Kräfte zurück, und er wurde in vollem Maße wiederhergestellt.
Während dieser Missionsreise arbeitete er in vier Staaten. Im Februar hielt er sich in Kentucky auf und rüstete sich zu seiner Heimkehr nach Ohio — einer 800 km langen Reise durch tiefen Schnee. Er hatte nur $ 1,25 in seiner Hosentasche, aber einen um so größeren Glauben, daß der Herr für ihn sorgen würde.
Es war eine schwierige Heimreise. Während des größten Teils der Reise waren seine Socken klatschnaß vor Schnee, Schlamm und Regen, und er konnte von Glück sagen, wenn er ein Nachtquartier bei einem Feuer bekam. Die Reise magerte den jungen Missionar völlig ab, so daß ihn seine Freunde in Ohio nicht erkannten. Unter ihrer Obhut endlich, brach er vollends zusammen, ein heftiges Fieber befiel ihn, und er lag viele Tage völlig erschöpft danieder.
So war eine Mission, als Lorenzo Snow noch jung war — sowie der Anfang vieler anderer Missionen. Im folgenden Jahr ging er nach Großbritannien. 42 Tage lang fuhr er über die stürmische See. In einem Brief an seine Tante beschrieb er die Stürme:
„Vielleicht kannst Du Dir in Deiner Phantasie lebhaft vorstellen, wie es in einem dieser furchterregenden Stürme zugeht. Man sitzt gegen ein großes Faß gelehnt und hält sich mit beiden Händen an Stricken fest ..., während das Schiff von einer Seite auf die andere rollt, wobei ab und zu eine dieser Riesenwellen über die Schiffswand schlägt und alle Anwesenden mit einem Duschbad versieht. Ich sehe, wie einer, der nahe bei mir sitzt, bitterlich vor Angst weint. Im nächsten Augenblick schießt eine Welle über die Schiffswand, hebt ihn von seinem Sitz hoch und schleudert ihn ganz auf die andere Seite des Schiffes, wo er sich mit einem gebrochenem Arm und klatschnaß wiederfindet.”
Unter Deck hatten sich Kisten losgerissen, die zwischen den schreienden Frauen und Kindern hin und her geschleudert wurden. Trotz alledem war Bruder Snow voll Friedens, denn er war im Auftrag des Herrn unterwegs. Diese Szene war einer ganz ähnlich, die Lukas berichtet, in der sich der Apostel Paulus befunden hat. Tatsächlich gab es viel, was Lorenzo Snow mit Paulus hinsichtlich der Missionsarbeit gemein hatte. Der Mission, die Bruder Snow in Britannien verbrachte, folgten Missionen in Italien, in der Schweiz, auf Malta, Hawaii und im Heiligen Land. Bevor seine Missionen abgeschlossen waren, hatte er den Ozean achtmal überquert, hatte über 240 000 km zurückgelegt und hatte dabei die Kosten selbst getragen.
Aus vielen Gründen sollte man sich an Lorenzo Snow erinnern: wegen seines vorbildlichen Verhaltens, seiner tiefen spirituellen Hingabe dem Herrn gegenüber, seiner großen Fähigkeiten als Kolonisator, seiner Bedeutung als Erzieher, doch sollte man sich seiner neben all seinen Tugenden besonders deswegen erinnern, da er ein hervorragender Missionar war. Während seiner Amtszeit nahm er die Aufgabe in Angriff, das Missionarswerk weltweit zu fördern. Er schickte sogar GFV-Missionare in andere Pfähle, wo sie fünf oder sechs Monate lang tätig waren. Er gab Heber J. Grant den Auftrag, Japan für die Verkündigung des Evangeliums zu öffnen. Er hatte vor, das Evangelium nach Rußland und nach dem damaligen Österreich zu tragen. Und während seines ersten Amtsjahres berief er mehr als 1 000 Missionare, die auf der ganzen Welt arbeiten sollten — eine Zahl, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nie in der Geschichte der Kirche ausgesandt worden war und in den nächsten 20 Jahren auch nicht mehr ausgesandt werden sollte.
Man fragt sich, was geschehen wäre, wenn sich Lorenzo Snow als vielbeschäftigter junger Student dafür entschieden hätte, daß Religion nichts für ihn sei. Wieviel Tausende von Menschen hätten vielleicht nicht die Gelegenheit gehabt, das Evangelium anzunehmen!
Arthur R. Bassett, Dezember 1972