Die Scherben der Toleranz
KELLNER VERGRÄTZT RAUCHENDE GÄSTE TROTZ RAUCHERBEREICH
Man stelle sich vor, man will mal wieder fein essen gehn...
So geschehen am Sonntag, den 30. Dezember 2007 zu Marburg an der Lahn:
Meine Frau und ich brechen gegen 20 Uhr zu einem Speiserestaurant auf, dessen Inhaber vor Inkrafttreten der Rauchverbote angekündigt hatte, er werde einen seiner Nebenräume für Raucher reservieren.
Angekommen wundern wir uns schon ein wenig darüber, dass nur ein knappes Dutzend Gäste anwesend ist, im größten Teil des mit einem "Rauchen verboten"-Schild verzierten Gastraums herrscht gähnende Leere.
Auf die Frage, wo denn der Raucherraum zu finden sei bekomme ich zur Antwort: Bei uns besteht Rauchverbot, wer rauchen will, muss vor die Tür gehen. Er sagt dies genau so, als habe er nie eine andere Auskunft gegeben. - Perplex bringe ich nur noch ein "Und tschüss" über die Lippen und wir machen auf dem Absatz kehrt.
Innerhalb der nächsten halben Stunde probieren wir noch drei weitere Speiserestaurants durch, die allesamt die Möglichkeit hätten, auch Raucherbereiche einzurichten. Keines der Restaurants hält jedoch tatsächlich Räume für Raucher bereit, in einem der Lokale war nichtmal ein einziger Gast anwesend, aber man sagt uns ohne jedes Bedauern, dass "hier" nicht geraucht werden dürfe.
Ich komme mir vor wie im falschen Film, überall gehen wir wieder mit dem Hinweis, dann wohl in Zukunft leider nicht mehr in den Genuß der vorzüglichen Küche des Hauses gelangen zu können. - Immerhin weist man uns in einem der Lokale auf ein Restaurant in der Nähe hin, das Raucherräume bereithalten soll.
Dort angekommen - der große Gastraum ist recht gut besucht, aber nicht voll - empfängt uns der Chef-Ober des Abends freundlich mit der Frage, ob er uns helfen könne. Auf die Frage nach dem Raucherbereich antwortet er, dass es derer sogar zwei gäbe und weist auf Türen, die in die Raucherräume führen. Unsere Stimmung hebt sich augenblicklich.
Dankbar erwähne ich gegenüber dem Ober, was wir gerade für eine Odysee hinter uns haben und dass wir uns freuen, endlich doch noch einen raucherfreundlichen Betrieb gefunden zu haben. - Was nun folgt, ist so grotesk, dass ich meinen Ohren kaum trauen mag:
Der Ober erwidert, er verstehe diesen ganzen Aufstand nicht. Die Raucher würden SEINE Gesundheit kaputt machen und dafür habe er nicht das mindeste Verständnis. In der Gastronomie müsste ALLES rauchfrei sein und wer unbedingt rauchen will, sollte das gefälligst draußen vor der Tür tun, wo er niemanden belästigt. Dies sei zwar nur seine persönliche Meinung, fügt er noch hinzu, aber diese ganze Raucherei sollte nicht mehr länger geduldet werden.
Mir verschlägts einen Moment lang die Sprache. Dann - meine Frau wendet sich in weiser Vorahnung meiner Reaktion schon mal wieder dem Ausgang zu - steigt der Zorn in mir auf. Ich halte dem Ober entgegen, was sich in diesem Lande gegen uns Raucher abspiele, sei in meinen Augen Faschismus pur und absolut inakzeptabel. Verärgert füge ich mit deutlich vernehmbarer Stimme noch hinzu, dass wir es unter diesen Umständen vorzögen, auf die Küche dieses feinen Hauses zu verzichten um statt dessen lieber wirklich raucherfreundliche Betriebe zu unterstützen.
Sags, dreh auf dem Absatz um und verlasse den Hort der Gastlichkeit, inzwischen stinksauer eingedenk der Dreistigkeit, mittels welcher das Personal des Hauses rauchende Gäste offenbar vor den Kopf zu stoßen pflegt.
Da wird man als Raucher doch tatsächlich nicht mehr mit freundlicher Gastlichkeit, sondern mit frechen Vorhaltungen und anmaßenden, ja sogar pauschal beleidigenden Bemerkungen diskreditiert - und das vom Personal einer Gaststätte, die sogar zwei(!) Raucherbereiche eingerichtet hat!
GASTLICHKEIT funktioniert mit Sicherheit anders, denn auch als Raucher darf man wohl ein Minimum an Höflichkeit und Respekt erwarten. Niemand verlangt, dass sich das Personal eines sich als raucherfreundlich positionierenden Betriebes mit fliegenden Fahnen zum Rauchen bekennt. Rauchenden Gästen jedoch vorzuwerfen, sie setzten sich über die gesundheitlichen Interessen ihrer Mitmenschen hinweg, ist absolut übergriffig, diskriminierend und schlechterdings inakzeptabel.
Für mich steht im Ergebnis dieses Erlebnisses die Erkenntnis, dass es dringend eines Gastroführers für Raucher bedarf, eines Ratgebers, wo man willkommen ist und um welche Häuser man von vorneherein lieber einen großen Bogen schlägt, will man entspannen und echte Gastlichkeit genießen.
So kam es, dass ich den Entschluss gefasst habe, einen solchen Gastroführer zu verfassen, denn nur wenn sich Raucher nicht mehr alles gefallen lassen, sondern sich endlich offensiv zur Wehr setzen, besteht - vielleicht - noch eine kleine Chance, die von böswilliger Massenpropaganda und profilierungssüchtigen Politikern mutwillig zerstörte Toleranz wieder herstellen zu können.
Bis es soweit sein wird, markiert dieser Abend nunmehr auch für mich das Ende der Toleranz gegenüber Mitbürgern, die uns Raucher ganz offensichtlich nicht nur als Menschen zweiter Klasse betrachten, sondern auch so behandeln, als seien wir eine Art Untermensch, dem Höflichkeit und Respekt entgegenzubringen nicht länger erforderlich sei.
Jürgen Vollmer, Marburg
